Kultur : Mit den Ohren sehen

Gipfeltreffen im Neuen Berliner Kunstverein

Katrin Wittneven

Die beiden Protagonisten des Abends konnten unterschiedlicher nicht sein. Rudolf Zwirner, 1933 geboren, brach nach dem Besuch der Documenta 1 sein Jurastudium ab und wendete sich der Kunst zu. 1959 war er Generalsekretär der zweiten Documenta und trug mit seiner Kölner Galerie entscheidend zum internationalen Erfolg der amerikanischen Moderne bei, wobei er von dem bilderhungrigen Sammler Peter Ludwig profitierte – und dieser von ihm. Der 1939 geborene Paul Maenz gründete dagegen seine Kölner Galerie 1970 als Gegenpart zu den Kunstaktivitäten des übermächtigen Sammlers Ludwig und zeigte Minimal und Conceptual Art bis hin zu der figurativen Kunst der Mühlheimer Freiheit. Es gibt aber auch Parallelen zwischen den beiden heute in Berlin lebenden Rheinländern. Nicht nur haben sie mit ihren Galerien Kunstgeschichte geschrieben, sondern auch den richtigen Moment erkannt, um mit dem aktiven Handel aufzuhören. Doch die Kunst fesselt sie bis heute. Wer könnte also nach jahrzehntelanger Schulung besser Auskunft geben über „Die Wahrheit des Sehens“, so der Titel des Gesprächs, zu dem Tagesspiegel-Redakteurin Nicola Kuhn anlässlich der von ihr kuratierten Ausstellung „Critic’s Choice“ in den Berliner Kunstverein eingeladen hatte.

Fern jeglicher Altherrenromantik erzählten die beiden Doyens des Kunstbetriebs von ihren „Schocks des Sehens“, etwa als Andy Warhol Brilloboxes zur Skulptur erhob, und von der „Schule des vergleichenden Sehens“, die vor allem in Museen möglich ist. Denn nur im direkten Vergleich werde sichtbar „was hält und was fällt“. Wobei – gerade in den USA – inzwischen vielfach eher „mit den Ohren“ gesammelt wird. Skeptisch schätzte Zwirner den steigenden Einfluss von Sammlern auf die Museen ein sowie die rasante Preisentwicklung in der zeitgenössischen Kunst, die Museumsdirektoren zu frühzeitigen Entscheidungen treibt. Dabei gestanden beide ein, dass so manche Fehleinschätzung später von zentraler Bedeutung war – wurde sie doch zum Türöffner für neue Erkenntnisse und neue Kunst.

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