Mit den Philharmonikern auf Tour (1) : Alles in Gold in Abu Dhabi

Die Berliner Philharmoniker reisen nach Asien und Australien und Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf ist dabei. Zum Auftakt der Übersee-Tournee 2010 erlebt er die Vorbereitungen auf das erste Gastspiel des Orchesters in der Golfregion seit 1975.

Jörg Königsdorf
Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf ist mit den Berliner Philharmonikern auf Tour.
Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf ist mit den Berliner Philharmonikern auf Tour.Foto: Mike Wolff

Im Foyer des Emirates Palace in Abu Dhabi steht derzeit ein etwa fünf Meter hoher Kubus. Wer hineingeht, kann dort ein paar Skulpturen Alberto Giacomettis bewundern, darunter auch eines der berühmten kleinen Männchen mit großem Fuß, für die auf dem Kunstmarkt inzwischen zweistellige Millionenbeiträge gezahlt werden. Und auch wenn es den Ausstellern vermutlich nicht bewusst ist, passt das Giacometti-Männchen ausgezeichnet hierher. Denn auch der Ölstaat am Golf ist ein kleines Land, das auf großem Fuß lebt.

Erst recht hier im Emirates Palace, einem der teuersten und größten Hotels der Welt. Damit man das auch merkt, ist hier alles mögliche mit echtem Gold überzogen. Selbst den Zehn-Euro-Cappuccino in der Hotelbar krönt ein Goldflöckchen und wem das nicht reicht, der kann sich an einem Automaten "Gold to go" ziehen. Klar, dass auch die Kunst hier schillern muss.

Golden ist der Kunstkubus im Foyer und auch die Berliner Philharmoniker spielen auf ihrer ersten Tourneestation gewissermaßen im Goldrahmen: Was auch passt, denn die Philharmoniker auf Tour sind ja sozusagen "Gold to go". Am späten Montagabend sind Rattle und das Orchester, ein Tross von insgesamt 150 Personen samt eigenem Arzt und Physiotherapeuten, hier eingetroffen – von Berlin direkt im gecharterten Jumbo nach Abu Dhabi. Und am nächsten Tag um zehn ist gleich Generalprobe: Denn der Saal im Emirates Palace ist, Gold hin, Gold her, nicht einfach: Fast kein Nachhall, das bedeutet für die Musiker, die den Luxusklang der Philharmonie gewohnt sind, eine besondere Herausforderung. Wenn man im leeren Saal sitzt und zuhört, merkt man schnell, das hier wieder alles in Frage steht und selbst hundertmal gespielte Stücke neu justiert werden müssen. Mal sind die Bläser zu laut, mal funktioniert das gewohnte Tempo in der neuen Akustik nicht optimal. Mächtig Eindruck macht der Saal natürlich trotzdem: Die üppigen Goldornamente erinnern an die überkandidelten Art-deco-Kinos der Zwanziger – auch eine Zeit der Goldrausch-Stimmung.

Um mehrere hundert Karten überbucht

Würde allerdings die Klimaanlage nicht alles auf gefühlte zehn Grad Raumtemperatur herunterkühlen, bekäme man vermutlich einen Schweißausbruch, wenn man die zur Konzertsaalausschmückung aufgewandte Menge des Edelmetalls erführe. Erst recht, wenn man sich ausrechnet, wie viele Education Projekte man mit den Deko-Unzen finanzieren könnte.

Eigentlich müssten Rattle und die Seinen hier "Rheingold" spielen, am besten mit ein paar feschen Bauchtänzerinnen als Rheinnixen, die einen fetten Klumpen mit 999er Feingehalt hüten. Da würden den Scheichs die Augen glänzen! Da wäre Stimmung in der 1200-Mann-Bude, wenn die fesche Freia mit Gold aufgewogen wird! Von Wagner lässt Sir Simon hier allerdings die Finger, obwohl Christian Thielemann und das Bayreuther Festspielorchester vor drei Jahren den Saal eröffnet und damit quasi den Boden bereitet haben. Statt dessen gibt’s Brahms, Haydn und Alban Berg, dessen "Drei Orchesterstücke" zwar auch schon an die hundert Jahre alt sind, hier aber die Speerspitze des Modernen bilden: Abgesehen von einigen Broadway-Schmankerln, die aber nicht wirklich zählen, ist das Opus des Wiener Zwölftöners das Modernste, was hier bisher auf dem Programm stand.

Das erklärt zumindest Till Janczucowicz, der Chef des Veranstalters Abu Dhabi Classics und ehemalige Manager Christian Thielemanns. Janczucowicz hat sie alle hergeholt: Die New Yorker Philharmoniker, das Amsterdam Concertgebouw Orkest, alles, was Rang und Namen hat, soll Abu Dhabi das Prestige der Kulturhauptstadt der arabischen Halbinsel verschaffen. Und jetzt auch die Philharmoniker: Seit 1975 ist dies der erste Abstecher des Orchesters in die Golfregion überhaupt. Kein Wunder, dass hier alle mächtig stolz drauf sind, die Berliner geholt zu haben.

Um mehrere hundert Karten sei das Konzert überbucht, teilt Janczukowicz stolz mit. Was ja auch verständlich ist: Wer sein Vermögen sicher investieren will, investiert ja auch in klassische Werte. In den Klang der Philharmoniker zum Beispiel. Und am besten natürlich in Gold. Vielleicht sollte man nach dem Konzert doch noch schnell am Automaten vorbeischauen.

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