Mit den Philharmonikern auf Tour (2) : Rattle bei den Kängurus

Zum ersten Mal in ihrer 128-jährigen Geschichte besuchen die Berliner Philharmoniker Australien. Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf darf exklusiv mitreisen und berichtet online von der Eroberung des fünften Kontinents.

Jörg Königsdorf
Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf ist mit den Berliner Philharmonikern auf Tour.
Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf ist mit den Berliner Philharmonikern auf Tour.Foto: Mike Wolff

Gestern war Flugtag. Konkret heißt das: Morgens um zehn Abflug in Abu Dhabi, nachts um eins Ankunft in Perth. Die zweitlängste Flugetappe für die Philharmoniker - nur der Rückflug von Singapur nach Berlin wird noch ein gutes Stück länger sein. Solche Langstreckenflüge sind sozusagen Big Brother auf Raten: 45 Stunden werden die Musiker auf dieser Tour insgesamt in ihrem Lufthansa-Jumbo verbringen, erheblich länger als auf der Bühne. Was passiert, wenn man hundertfünfzig Menschen, die einander sonst nur jeweils für zwei, drei Stunden aushalten müssen, plötzlich für einen ganzen Tag lang zusammen in einen Raum sperrt? Der Unterschied zwischen den Philharmonikern und anderen Orchestern bestehe darin, dass die Musiker dort nach dem Konzert oft noch zusammen einen tränken, während die Philharmoniker sofort nach Hause führen, sagt ein Mitglied des Orchesters.

Alles Individualisten also? Tatsächlich fällt vor allem auf, wie ruhig es in der Maschine ist: Würde nicht hin und wieder ein kurzer Lacher verraten, dass der ein oder andere Philharmoniker sich doch "Wallace and Gromit" auf dem Flugzeugfernseher anguckt, könnte man denken, die Musiker seien alle beim Lösen einer Mathe-Arbeit. Nur, dass der Lehrer sich nicht blicken lässt: Simon Rattle gehört offenbar nicht zu den Dirigenten, die die Tourneen zur Intensivierung der zwischenmenschlichen Kontakte nutzen und lässt seine Gefolgschaft lieber in Ruhe, statt jovial durch die Reihen zu patrouillieren und seinen Philharmonikern aufmunternd auf die Schultern zu klopfen. Was ja durchaus mit dem Eindruck zusammenstimmt, den man in den Konzerten des Orchesters bekommt: Dass sich hier eine Gruppe erstklassiger Solisten zusammengetan hat und selbst der berühmte Streicherklang seine homogene Schwerelosigkeit nicht aus der traditionellen Herdentrieb-Mentalität gewinnt, sondern aus einem gemeinsamen freien Willen entsteht.

So spielen die Philharmoniker, und so reisen sie eben auch - als harmonische Gruppe von Individualisten. Einer tüftelt auf seinem Laptop an einer Partitur herum, einer kritzelt Seiten mit kühn aussehenden Entwürfen voll und auf den Klapptischen liegen Reiseführer oder dicke Klassikerschwarten. Philharmoniker lesen demnach nicht Dan Brown oder Stieg Larsson, sondern eher deutsche Romantiker, lateinamerikanische Literatur oder eine Neuausgabe der Briefe Gustav Mahlers. Gruppenbildung findet dagegen nur in Ansätzen statt und allein die Harfenistin des Orchesters, Marie-Pierre Langlamet, tut mit zwei Kollegen das, was sonst die Lieblingsreisebeschäftigung deutscher Orchestermusiker ist und spielt Skat. Aber leise natürlich, und ganz hinten im Flugzeug.

Hier, auf den Economy-Sitzen, ist es ohnehin noch relativ am lustigsten. Was vor allem daran liegt, dass die Sitzverteilung im Flugzeug streng nach Alter geordnet ist. Während auf der Bühne das Rotationsprinzip gilt und jeder auch mal vorn sitzen darf, herrscht auf Reisen noch die alte Rangordnung der Karajan-Ära: Die Comfortklassen First und Business sind für die Chefs, Vorstände und älteren Orchestermitglieder reserviert, die Jungen lümmeln sich auf den billigen Plätzen. Und kaum dass das Flugzeug den Boden des Flughafens von Perth berührt hat, bricht es hier plötzlich los. Kissen fliegen an Geigerköpfe, die eben noch dahindösenden Jungphilharmoniker liefern sich johlend eine kleine Saalschlacht nach Mitternacht. Die Australier müssen sich warm anziehen.

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