Mit den Philharmonikern auf Tour (4) : Macht Mozart krank?

Die Berliner Philharmoniker besuchen Australien. Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf darf exklusiv mitreisen und berichtet online vom fünften Kontinent. Diesmal geht es um einen gefragten Mann auf der Tour: Den Physiotherapeuten.

Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf ist mit den Berliner Philharmonikern auf Tour.
Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf ist mit den Berliner Philharmonikern auf Tour.Foto: Mike Wolff

Am schwarzen Brett gleich neben der Hotelrezeption, das die Berliner Philharmoniker auf jeder ihrer Tourstationen über Tagesablauf und Ausflugmöglichkeiten informiert, hängt eine Besorgnis erregende Liste. Es handelt sich um den Terminplan von Christian Wasdaris, dem mitreisenden Physiotherapeuten, und jeder Musiker, der sich hier einträgt, muss zugleich ankreuzen, ob seine Beschwerden akut oder chronisch sind. Es hat hier in Perth nur ein paar Stunden gedauert, bis Wasdaris‘ Liste bis auf den letzten Platz belegt war, und alle seine Patienten haben ihr Kreuzchen unter „chronisch“ gemacht. Was auf den ersten Blick erstaunt, denn in der westaustralischen Sonnenstadt wirken Berlins Edelmusiker eher wie eine Gruppe Freizeitsportler auf Reisen: Schon früh morgens begegnet man verschwitzten Jogging-Kleingruppen in der Lobby, fast immer trifft man einen der Musiker im hoteleigenen Fitness-Studio und etliche haben sich gleich nach ihrer Ankunft schon Fahrräder organisiert.

Tatsächlich gehört beides zusammen: Sowohl der Sportsgeist wie Wasdaris‘ volle Terminliste zeigen, dass sich das Körperbewusstsein der Philharmoniker in den letzten zwanzig Jahren massiv verändert hat. Denn dass die hoch spezialisierten Körperhaltungen beim Spiel ungesund sind, ist natürlich nichts Neues: Relativ neu ist nur, dass die Musiker selbst dieses Problem angehen und die nun mal kaum zu ändernde Spielhaltung durch Ausgleichssport zu kompensieren versuchen. Auch dass auf dieser Tour zum ersten Mal überhaupt ein Physiotherapeut mit dabei ist, war Wunsch der Musiker, von denen einige ohnehin Dauerpatienten in Wasdaris‘ Praxis sind. Denn hier, auch durch die Zusatzbelastung von Langzeitflügen und Kofferschlepperei, machen sich die körperlichen Konsequenzen des Berufs bei vielen schmerzhafter bemerkbar als daheim in Berlin: Die Schulterentzündungen bei den Geigern zum Beispiel, oder auch die Schmerzen und Anspannungen, die entstehen, wenn der ganze Körper den Druck erzeugen muss, den es zum Spielen eines Blasinstruments braucht.

Wasdaris kennt das alles aus dem Effeff. In seinen 24 Praxisjahren hat der Berliner Therapeut und Hobby-Schlagzeuger seine diagnostischen Fähigkeiten sogar soweit verfeinert, dass er an den Beschwerden seiner Patienten schon fast erraten kann, was gerade auf dem Programm stand. Die Streicher beispielsweise würden gehäuft nach Stücken mit vielen Sechzehnteln in seiner Praxis auftauchen, erklärt er. Mozart also ist heikel, Haydn auch. Ob es also an den entzündeten Schultern und Bandscheibenvorfällen der philharmonischen Halswirbelsäulen liegt, dass in den letzten Jahren so wenig Mozart-Sinfonien auf den Programmen standen? Und sind die kleinen Besetzungen, mit denen die Werke Haydns inzwischen auch bei den Philharmonikern gespielt werden, am Ende auf den hohen Krankenstand bei den Streichern zurückzuführen? Da kann man schon fast froh sein, dass auf dieser Tour hauptsächlich Brahms und Mahler, aber nur eine Haydn-Sinfonie im Gepäck sind.

Dass Wasdaris so gefragt ist, liegt sicher auch daran, dass sich hier auf der Tour viele überhaupt zum ersten Mal trauen, mit ihrem Problem rauszurücken. Die Terminliste am schwarzen Brett, auf der man sehen kann, dass auch etliche Kollegen an ähnlichen körperlichen Gebrechen laborieren, wirkt offenbar ermutigend. Der bisher jüngste Philharmoniker-Patient auf der Tour ist kaum über dreißig – ein Geiger, wie die meisten. Und wenn der Trend weiter anhält, wird Wasdaris von dieser Tour vermutlich eine hübsche Zahl neuer Patienten mitbringen. Wodurch die an sich strapaziöse Tournee die Philharmoniker paradoxerweise noch gesünder machen wird. Denn während Sportler bei der Behandlung Zeitung läsen, sagt der Therapeut, besäßen die Musiker in der Regel die Fähigkeit, ihre körperlichen Probleme zu reflektieren und Fehlhaltung durch konsequentes Training sogar zu korrigieren. Vielleicht ist dann ja irgendwann auch wieder mehr Mozart drin.

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