Mit den Philharmonikern auf Tour (5) : Bewährungsprobe für den Neuen

Die Berliner Philharmoniker besuchen Australien. Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf darf exklusiv mitreisen und berichtet online vom fünften Kontinent. Diesmal muss Intendant Martin Hoffmann beweisen, dass er sich auf dem internationalen Parkett bewegen kann.

Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf ist mit den Berliner Philharmonikern auf Tour.
Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf ist mit den Berliner Philharmonikern auf Tour.Foto: Mike Wolff

Es ist spät geworden gestern Abend. Nach dem ersten der vier Konzerte, die die Philharmoniker hier in Sydney spielen, war wieder Empfang angesagt. Champagner und Blätterteigpastetchen im Nordfoyer des Opernhauses, und für diejenigen unter den Musikern, die nach dem Konzert eher etwas Handfestes brauchen, auch Bier und Käsebrote.

Auf jeder der Tourstationen gibt es mindestens einen solcher Empfänge, auf denen die örtlichen VIPs die Gelegenheit bekommen, auf Tuchfühlung mit den Berlinern zu kommen. Und anders als im spartanischen Deutschland, wo inzwischen selbst bei Opernpremieren nur trockenes Fingerfood gereicht wird, legt und schenkt man in Sydney noch bis weit in die Nacht hinein nach. Schon weil man schließlich die Geldgeber bei Laune halten muss, für die der gesellschaftliche Aspekt jedes Konzerts ebenso wichtig ist wie die hohe Kunst.

Für die Philharmoniker, deren Adrenalinspiegel nach zweieinhalb Stunden Konzert noch deutlich überm Durchschnitt liegt, sind diese Empfänge allerdings vor allem eine Gelegenheit, langsam runterzukommen – in der Regel fangen die Musiker erst richtig an zu feiern, wenn die Sponsoren sich schon verabschiedet haben.

Für einen sind diese Zusammenkünfte allerdings die Bewährungsprobe: Bei seiner ersten großen Tour mit dem Orchester muss Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann beweisen, dass er sich auf dem internationalen Parkett bewegen kann und in jedem Land den richtigen Ton für den Umgang mit den lokalen Größen aus Wirtschaft und Politik findet. Während Simon Rattle sozusagen der Kanzler des Orchesters sei, sehe er sich als Außenminister der Philharmoniker, hatte Hoffmann sein Selbstverständnis als Intendant vorher bei einem Gespräch im Flugzeug beschrieben.

Seinen Stil scheint er jedenfalls schon jetzt, nach kaum zwei Monaten im Amt, gefunden zu haben: Während Hoffmans Vorgängerin Pamela Rosenberg eher die Aura eines huldvollen Elder Stateswoman verbreitete, versucht es der Neue mit quirliger Unbefangenheit, geht ohne Berührungsängste oder große Sorgen um grammatikalisch korrektes Englisch auf die Leute zu und setzt auf unverwüstliche Begeisterung. In Australien kommt das offenbar gut an, während die Philharmoniker selbst über Hoffmans emphatische Umarmungsversuche gelegentlich noch etwas irritiert zu sein scheinen.

Ein bisschen Misstrauen schwingt da oft noch in den Äußerungen über den Neuen mit. Und wohl auch die Frage, ob der Medienmann, der früher „Bauer sucht Frau“ produziert hat und offen zugibt, dass er von Klassik keine große Ahnung hat, wirklich der richtige Mann auf dem traditionsreichen Posten ist? Um das zu beurteilen, ist es sicher noch zu früh, aber immerhin hat Hoffmann mit dem reibungslosen Abschluss eines neuen Tarifvertrags für das Orchester schon einen ersten Achtungserfolg errungen. Für ihn ist die Tour jetzt offensichtlich die Möglichkeit, den tendenziell etwas eigenbrötlerischen Philharmonikern menschlich ein Stückchen näher zu kommen. Bei den Flügen geht er durch die Reihen, plaudert und setzt sich auf kürzeren Strecken auch schon mal in die Economy-Class. Und seit Anbruch der Ära Hoffmann müssen die Musiker auch damit rechnen, dass ihnen ihr Intendant unversehens jovial auf die Schulter klopft. Sie werden sich wohl daran gewöhnen – zumindest kann man Hoffmann nicht vorwerfen, dass er nicht das Gespräch suchen würde. Er sei eben niemand, der einfach sagen würde: So geht’s!, hatte er im Flugzeug gesagt. Und für einen Außenminister ist das sicher nicht die verkehrteste Einstellung.

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