Mit den Philharmonikern auf Tour (8) : Das dreidimensionale Orchester

Die Berliner Philharmoniker besuchen Asien und Australien. Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf darf exklusiv mitreisen und berichtet online in seinem Reisetagebuch. Zum Schluss geht es für Simon Rattle und die Philharmoniker ans Eingemachte.

Jörg Königsdorf
Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf ist mit den Berliner Philharmonikern auf Tour.
Tagesspiegel-Autor Jörg Königsdorf ist mit den Berliner Philharmonikern auf Tour.Foto: Mike Wolff

In Singapur wartet die größte Herausforderung der Tournee auf Simon Rattle und die Philharmoniker: Neben den beiden letzten Tourkonzerten schlagen sie ein neues Kapitel Mediengeschichte auf: den ersten Klassik-Film in 3D.

Es liegt sicher nicht nur an den tropischen Temperaturen hier in Singapur, dass viele Philharmoniker inzwischen etwas erschöpft aussehen: Nach zweieinhalb Wochen Tournee kommt langsam der Punkt, an dem die Musiker immer stärker an zuhause denken. Der Punkt, an dem sie übersättigt sind von den touristischen Eindrücken aus den verschiedenen Klimazone und langsam mürbe gemacht sind vom dauernden Wechsel zwischen gnadenloser Sonnenbestrahlung und der Schockfrostung durch die Klimaanlagen in Hotels und Konzertsälen. Und ja, irgendwann fällt es auch schwer, ein Werk wie Mahlers Erste noch so lebendig klingen zu lassen wie zu Beginn der Tournee und das Einschleichen von Routine zu verhindern. Denn Routine, das weiß jeder Philharmoniker, ist Gift für die Musik, auch weil sie im Konzert unweigerlich mit den Patzern bestraft wird, die dann später in den Zeitungen moniert werden.

An dieser letzten Station brauchen die Musiker ihren Chef ganz besonders. Das Tolle an Rattle sei, dass er sie immer wieder herausfordere, hört man immer wieder von den Philharmonikern. Schon beim letzten Konzert in Sydney konnte man deutlich spüren, wie gut der Chef mittlerweile die Musiker kennt und wie genau er weiß, wie weit er in jedem Moment einer Aufführung gehen kann: Bis an die Grenze des Spielbaren hatte Sir Simon sein Orchester da getrieben und so eine Spannung erzeugt, die das Publikum am Ende regelrecht von den Sitzen gerissen hatte.

Jetzt noch einmal alle Energien zu mobilisieren, wäre auch bei zwanzig Prozent weniger Luftfeuchtigkeit nicht einfach. Und doch wartet hier eine ganz besondere Herausforderung auf die Philharmoniker. Vor den beiden Abschlusskonzerten drehen sie in Singapurs hochmoderner Konzerthalle den ersten Orchesterfilm in 3D. Mitte 2011 soll die Aufnahme von Mahlers Erster und Rachmaninows Sinfonischen Tänzen in die Kinos kommen und bald danach auch auf DVD vertrieben werden - nach der Digital Concert Hall schreibt das Orchester damit ein weiteres Kapitel Mediengeschichte. Egal, was man im Medienbereich mache, hatte Intendant Martin Hoffman gesagt, es komme darauf an, dass man der erste sei. Jetzt also Philharmoniker so hautnah und tiefenscharf wie nie, wenn man den Versicherungen des Produzenten glauben darf.

Bei der Aufzeichnung ist allerdings von Nervosität des historischen Augenblicks höchstens beim hektisch umherwieselnden Filmteam etwas zu spüren. Wenn man die Kameras ignoriert, die den Musikern allerdings bisweilen schon recht dicht auf die Pelle rücken, erinnert die Stimmung im Konzertsaal eher an ein Jugendkonzert. Denn weil ein leerer Saal auch in 3D keine besonders animierende Stimmung verbreitet, ist die Halle bis auf den letzten Platz mit Schülern gefüllt. Und so artig und konzentriert, wie die jungen Singapurianer Mahlers Erster lauschen, könnte man fast glauben, dass die Aufnahme eigens deswegen hierher verlegt worden sei.

Die ADS-Gören im heimischen Berlin hätten jedenfalls durch ihre Rangeleien garantiert den Film verdorben und die Pianissimo-Stellen durch Handygebimmel torpediert. Kann gut sein, dass die Experten recht haben, die die Zukunft der Klassischen Musik hier in Fernost verorten. Na Hauptsache, die Philharmoniker sind mit dabei.

Und in Zukunft sehen wir Rattle und die Seinen nicht mehr durch die rosarote, sondern nur noch durch die rot-grüne Brille. Versprochen.

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