Kultur : Mit der Bibel in der Hand: Die Solidarische Kirche in der DDR

Jan-Martin Wiarda

Irgendwer kam auf die Idee, die alte Garde abtreten zu lassen. Zumindest in der Fantasie. Es war Juli 1989, die oppositionelle "Solidarische Kirche" traf sich zur Sommerakademie Stuer-Winkel im Mecklenburgischen, und man spielte Regierung. Jeder zog einen Zettel mit dem Ressort, das er verantworten sollte. Dann wurden die Antrittsreden gehalten. Die Ressorts hießen "Ministerium für Identitätsdiffussion", "Ministerium für Planlosigkeit" oder "Abschiedsministerium": DDR-Wirklichkeit im Spiegel der Opposition. Ein halbes Jahr später war aus dem Spiel Ernst geworden - Wendezeit. Jene Leute, die in Stuer-Winkel die Macht probten, hatten sie nun wirklich: Gerd Poppe war Minister ohne Geschäftsbereich, Marianne Birthler Volkskammermitglied und später Bildungsministerin in Brandenburg, Ibrahim Böhme SPD (Ost)-Parteivorsitzender.

"Die Solidarische Kirche in der DDR", Pfarrer Joachim Goertz erzählt sie, die Geschichte einer kirchlichen Oppositionsbewegung von ihrer Gründung Mitte der 80er Jahre bis hin zu ihrer allmählichen Auflösung im Vereinigungsjahr 1990. Wenn Marianne Birthler und Frank Otto im Vorwort schreiben, der Arbeitskreis Solidarische Kirche (AKSK) sei zu einer "demokratischen Lerngemeinschaft" geworden, "von der diejenigen, die seit 1990 verschiedene Parlamente und Parteien kennengelernt haben, noch träumen", so besagt das zweierlei: Wie kaum eine andere Oppositionsgruppe hat der AKSK die friedliche Revolution mitgestaltet. Und wie kaum eine andere ist der AKSK danach mit seinen Hoffnungen auf die westdeutsche Wirklichkeit geprallt.

Goertz hat seine Dokumentation in drei Abschnitte unterteilt: Der erste bietet einen politischen Überblick über die Rolle des AKSK und anderer Oppositionsgruppen in den letzten DDR-Jahren, der zweite gibt Interviews mit ehemaligen Akteuren wieder, der dritte beschreibt das Verhältnis von Staat und Opposition. Welche Möglichkeiten hatten Systemkritiker in der DDR?

Einen Eindruck vermittelt die "Erklärung über die Nichtteilnahme an den Kommunalwahlen", die die AKSK-Regionalgruppe Thüringen am 7. Mai 1989 abgab: "Die von der SED verantwortete Politik wird in zahlreichen grundsätzlichen Punkten von uns in Frage gestellt. Daher ist es für uns nicht sinnvoll, uns an einer Entscheidung zu beteiligen, die die Anerkennung gerade dieser Politik zur Voraussetzung hat." Kein Wunder, dass solche Töne die Aufmerksamkeit der Staatssicherheit erregten. So ist "Die Solidarische Kirche in der DDR" zugleich ein Buch über die Bespitzelung Oppositioneller, wie sie sich in zahlreichen Stasi-Akten niedergeschlagen hat.

Dort ist verzeichnet, wie die Solidarische Kirche sich an der Gegenkontrolle der Stimmenauszählung beteiligte, wie sie auch innerkirchlich für eine Demokratisierung eintrat. Denn, wie es Marianne Birthler und Frank Otto im Vorwort zusammenfassen: Der AKSK war beides: Opposition innerhalb der Kirche, nämlich "gegen eine zu große Nähe kirchlicher Amtsträger zum Staat", und Oppositionsbewegung innerhalb der DDR, mit der Bibel als "Vision von einer gerechteren Welt".Joachim Goertz: Die Solidarische Kirche in der DDR. BasisDruck-Verlag, Berlin 1999. 370 Seiten. 29,80 DM.

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