Kultur : Mit der Farbe der Franzosen

KLAUS HAMMER

Vom Strausberger Platz ist die Galeristin Hannelore Hintersdorf jetzt in den Kunsthof Oranienburger Straße unweit der Neuen Synagoge gezogen.Hier, in einer Alt-Berliner Wohn- und Gewerbehofanlage aus der Mitte des 19.Jahrhunderts, könnte das Miteinander von Wohnen, Kultur, Handwerk und Gastronomie ein gutes Omen für eine gedeihliche Kunstatmosphäre sein.Zudem wurde mit Wolfgang Leber ein attraktiver Künstler gefunden, der die Ausstellungspremiere zu einem Ereignis werden läßt.

Der Berliner Künstler präsentiert jüngste Malerei (3500 DM bis 12 000 DM), Aquarelle (bis 3200 DM) und Lithografen (bis 600 DM), aber auch von ihm selbst bemalte keramische Gefäße (um 1600 DM).Sie zeigen nicht die Einmaligkeit eines realen Geschehens, sondern ein fragmentarisch dargebotenes Werk: Die im Bild enthaltene reduzierte Form der Information soll durch die Vorstellungskraft des Betrachters ergänzt werden.Doch will Wolfgang Leber seine Arbeiten nicht als intellektuelle Bilder verstanden wissen.Der ästhetische Bezug zu Rationalität und Präzision der technischen Form wird immer wieder aufgehoben durch die Emotionalität der Gestaltung.Der unterkühlte, kalte Konstruktivismus belebt sich durch den sensitiven Charakter der Farbe.Farbfeld stößt an Farbfeld, Farblicht steht gegen Farbmaterie, Farbflächen mit ihren Konstrasten - von Weinrot und Grün bis Türkis, Blau und Schwarz - übernehmen den Aufbau der Bildkomposition.

Die Kühnheit der Farben läßt immer wieder staunen: das Rostrot und Zinnober, die tiefen, vollen Kobaltblaus und das sanfte Veilchenblau, die Fuchsien- und Orangentöne, die samtigen Schwarz und Hellgelb.Die Bilder leuchten in gedämpfter Festlichkeit und drängen mit der Fülle ihrer farbigen Klänge in eine expressive Richtung.Die Entmaterialisierung und Überwindung des Stofflichen beim "Blauen Reiter" mag Leber dabei näher stehen als das Festhalten am Dinglichen bei den "Brücke"-Künstler.Und durch die Berührung mit der Farbe der Franzosen - vor allem Matisse - wird seine Malerei blühend, definiert und moduliert mit ihren Mitteln die Raum- und Gegenstandsvolumen.Auch Schwarz und Weiß werden zu Farben, und damit ist der Schritt von der grafischen zur malerischen Formbestimmung vollzogen.

Lebers Arbeiten der letzten Jahre, die vornehmlich der Figur gelten, sind zunehmend instabiler und komplizierter geworden.Doch die tragenden und lastenden, fallenden und stürzenden, ziehenden und stoßenden Flächen stellen letztlich ein Gleichgewicht aus elementaren Spannungen her.Linien spannen sich zu Geraden, schräge Körperebenen richten sich zur Vorderfläche parallel, Senkrechte steht gegen Waagerechte, Körper gegen Raum.Die Spannung zwischen Expressivem und Konstruktivem, Intuition und klarer, geistiger Kontrolle hält die Bilder zusammen.

Galerie Hintersdorf im Kunsthof, Oranienburger Straße 27, bis 17.Oktober; Dienstag bis Freitag 13-19 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr.

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