Kultur : Mit der Lupe

In der Galerie Zwinger interpretiert Gerhard Faulhaber historische Fotos

Der eine fotografierte, weil er nicht zeichnen konnte. Der andere zeichnet, weil er nicht fotografieren kann. So beschreibt sich das Verhältnis zwischen den Beteiligten der Ausstellung „Zeichnungen“ von Gerhard Faulhaber in der Galerie Zwinger. Wer die Ausstellung betritt, der wähnt sich in der falschen Abteilung, denn er sieht zuallererst seltsame Fotografien, die ihm dennoch bekannt vorkommen. Tatsächlich handelt es sich um Zeichnungen nach Fotos von Henry Fox Talbot. Talbot gilt als der Erfinder des Negativ-Positiv-Verfahrens, das erstmals mehrere Abzüge eines Bildes ermöglichte.

In einer spezifischen Art nimmt Faulhaber diese Technik wieder auf, indem er die Motive nachzeichnet und so erneut kopiert. Eigentlich sollte der Besucher die Ausstellung mit Lupe betreten, denn nur so lässt sich die immense Arbeit verfolgen. Für den Betrachter ergibt sich ein seltsamer Effekt, denn auch die Zeichnung wirkt wie ein Foto. Tatsächlich ist es Faulhabers Strategie, mit tonalen Abstufungen zu arbeiten. Diese Technik ermöglicht zum einen die Wiedergabe des Fotos und führt gleichzeitig dazu, dass sich die Zeichnung auf den zweiten, dritten Blick zu erkennen gibt. Dabei trifft, einem Diktum Walter Benjamins folgend, der subjektive Zeichenprozess auf eine technologische Perzeption. Tatsächlich wirkt Faulhabers Umgang mit den Fotos von Talbot wie minimalinvasiv, analog zu einer hochentwickelten Chirurgie. Und obwohl alle Details dieses Eingriffs offenzuliegen scheinen, sieht sich der Betrachter mit Fragen konfrontiert.

Denn Faulhaber stellt ebenso die originäre Schöpfung infrage wie die Prinzipien technischer Reproduzierbarkeit. Beide Kriterien gelten in seiner Arbeit nicht mehr: Wer genau hinschaut, der entdeckt ein Motiv Talbots, das der Künstler gleich dreimal abzeichnet. Tatsächlich aber zeigen die Motive in der Aneinanderreihung Variationen, „Fehler“ und Ergänzungen. Diese Sicht ist befreiend, weil sie auf dem Hintergrund digitaler Bildbearbeitung noch einen Ausweg zeigt, der die Hand nicht zur Verlängerung der Maus werden lässt. Schließlich leitet sich das Wort digital vom lateinischen digitus – der Finger – ab. Thomas Wulffen

Zwinger Galerie, Gipsstr. 3; bis 22.5., Di –Fr 14 -–19 Uhr, Sa 12 -–18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben