Kultur : Mit der Waffe des Witzes

Kontinuität durch Wandel: Die Malerin, Performerin, Filmemacherin Cornelia Schleime erhält den Gabriele-Münter-Preis für ihr vielseitiges Werk

Ulrich Clewing

Es fing ungefähr vor vier Jahren an, da begann sie plötzlich Nonnen zu malen: reizende en face-Porträts, nicht unerotisch, aber immer noch so ernst und erhaben, dass die Darstellungen nicht ins Eindeutige und Plakative kippten. Später folgte dann die „Päpste"-Serie, eine Reihe von Bildnissen, die natürlich alle nur den einen Papst zeigten: Karol Wojtyla. Worüber sich diejenigen, die Cornelia Schleime schon etwas besser kannten, anfangs ziemlich gewundert haben. Sollte sie, die überzeugte Atheistin, die Zweiflerin aus Prinzip und Leidenschaft, sich plötzlich zum Glauben hingewendet haben? War es möglich, dass sich da eine Veränderung zugetragen hatte, von der man noch nichts wusste?

Die Antwort war einfach. Die Bilder selbst gaben sie, man musste nur genau hinschauen: Bei den Nonnen interessierte die Künstlerin offensichtlich die Ambivalenz von Körperlichkeit, Keuschheit und Vergeistigung; bei Papst Johannes Paul II. lag die Sache ähnlich – einerseits ist er eine Ikone, eine Symbolfigur, andererseits war er der erste Papst, der – so Schleime – seine Verlautbarungen „nicht im Plural, sondern in der Ich-Form formulierte".

Der entscheidende Grund für die Nonnen und die Papst-Gemälde war jedoch ein anderer: Wieder einmal konnte Cornelia Schleime ihr Publikum so richtig überraschen – und das hat sie schon immer gern getan. Den Erwartungen gerade eben nicht zu entsprechen, sich nicht in Kategorien pressen zu lassen, das war seit jeher ein Anliegen der 1953 in Berlin-Ost geborenen Zeichnerin und Malerin. Darüber hinaus hat sie Performances aufführt, Filme gedreht und Anfang der achtziger Jahre in Punkbands gesungen, die seltsame Namen trugen, „Wurzel aus Zwitschermaschine" zum Beispiel. Schleime, die am Dienstag gemeinsam mit der Kölner Videokünstlerin Ulrike Rosenbach im Martin-Gropius-Bau den vom Bonner Frauenmuseum ausgelobten Gabriele-Münter-Preis durch Bundesministerin Renate Schmidt verliehen bekommt, hat schon einige Häutungen hinter sich. Das einzig Konstante dabei ist der Wandel und die Lust am Neuen.

In der DDR, die sie 1984 verließ, ging das eine Weile gut, dann nicht mehr. 1981, ein Jahr nach Abschluss ihres Studiums an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, wurde sie mit Ausstellungsverbot belegt. Unbotmäßige, nicht-sozialistische Bilder, dazu Gedichte und bunt gefärbte Haare: Die Staatsicherheit witterte staatspolitisch höchste Gefahr und setzte gleich mehrere informelle Mitarbeiter auf sie an. Die Künstlerin stellte wiederholt Anträge auf Ausreise, der vierte dann wurde endlich genehmigt: Binnen 24 Stunden hatte sie das Land zu verlassen. Eine weite Reise stand bevor, bei der Cornelia Schleime in Kilometern freilich eine lächerliche Entfernung überbrücken musste: Sie zog vom Prenzlauer Berg nach Kreuzberg.

Da nur Zeit zum Kofferpacken und für das eilige Verabschieden von Freunden blieb, musste sie ihr gesamtes, bis dahin geschaffenes künstlerisches Werk zurücklassen. Das meiste davon ist nach wie vor verschollen, Bilder, Fotos, Super 8-Filme, deren Verlust sie noch heute schmerzt.

Dennoch: Hin und wieder tauchen auf rätselhafte Weise Arbeiten auf. In der Ausstellung „Kunst in der DDR“ etwa, die vergangenen Sommer in der Neuen Nationalgalerie zu sehen war, waren Teile ausgestellt: ein so genanntes, noch in Dresden entstandenes Horizonte-Bild sowie der Film „Das Nierenbett", dessen Titel durchaus wörtlich zu verstehen ist. Genau genommen handelt es sich um eine Badewanne, bis an den Rand gefüllt mit frischen Schweinenieren, in das Cornelia Schleime sich für diesen Film legte – eine Grenzerfahrung am Rande des Ekels, und doch eine in all ihrer Drastik typische Performance für Cornelia Schleime, die damit die nachfolgende Generation der Dresdner Künstlerschaft wie Via Lewandowsky und Else Gabriel maßgeblich prägte.

Den Hang zur Übertreibung, zum Ironischen und Theatralischen hat Schleime sich erhalten. Diese Exaltiertheit bedeutet für die Künstlerin aber nicht nur Extravaganz, sie dient ihr in gewisser Weise auch als Selbstschutz. Den Fall der Mauer im November 1989 erlebte sie als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in New York. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin machte sie sich sogleich auf den Weg zum Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen. Dicke Aktenordner mit ihrem Namen fand sie dort vor, mit hunderten, tausenden Seiten von Berichten mit Beobachtungen, wie sie banaler und verletzender nicht sein konnten.

Während viele andere Stasi-Opfer über ihre Berichte schwiegen , reagierte Cornelia Schleime offensiv: Sie liess Kopien anfertigen, originalgetreu mit vollständigem Text und sämtlichen bürokratischen Vermerken. Dazu stellte sie Fotografien von sich, die ihr passend erschienen. Auf einer dieser Aufnahmen geht sie beispielsweise an einem Bauernhof vorüber, einen Kinderwagen hinter sich herziehend – und zwar mit mehrere Meter langen Zöpfen, die sie sich auf dem Kopf geflochten hatte. Der Stasi-Text dazu lautet: „Die Schleime bewegt sich äußerst unauffällig."

Dieser sarkastische Witz ist nicht nur Merkmal der ganzen Werk-Serie mit dem Titel „Bis auf weitere gute Zusammenarbeit, Nr. 7284/85", sondern er wurde auch zu einer sanften, aber sehr effizienten Waffe. Für Schleime, die in jenen Jahren mit ansehen musste, wie ihr „gesamter Freundeskreis" nach Besuchen in der Gauck-Behörde „depressiv wurde", war die künstlerische Arbeit „ein Befreiungsschlag gegen das dumpfe Aktenlesen". Dass ihre Bespitzeler so auch noch der Lächerlichkeit preisgegeben wurden, darüber kann sie sich noch heute amüsieren.

Die Verleihung des Gabriele-Münter-Preises findet am 3. Februar um 19 Uhr im Martin-Gropius-Bau (Niederkirchnerstr. 7) statt. Die damit verbundene Ausstellung zeigt neben den Arbeiten der beiden Preisträgerinnen auch die eingereichten Werke weiterer Bewerberinnen; bis 12. April, Mi bis Mo 10-20 Uhr. Gleichzeitig sind im Museum Junge Kunst in Frankfurt/Oder bis 8. Februar Arbeiten von Cornelia Schleime zu sehen.

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