Kultur : Mit dir im Ring

Boxen für Amerika: Ron Howards „Comeback“ mit Russell Crowe und Renée Zellweger

Julian Hanich

13. Juni 1935, Long Island City, New York. Im Ring lauern zwei ungleiche Boxer: Jim Braddock (Russell Crowe), den sie Cinderella-Man nennen, weil er sich aus der tiefsten Armut der Depressionszeit wieder nach oben gekämpft hat, und Max Baer (Craig Bierko), ein animalischer Hüne mit Glamourfaktor. Gegen ihn wirkt selbst Ivan Drago, die sowjetische Kampfmaschine aus „Rocky IV“, wie ein tierlieber Yogitee-Trinker. Braddock gilt als krasser Außenseiter. Die Reporter formulieren ihre Texte vorab. Die Halle tobt. Derweil verfolgt Braddocks Familie den Kampf zu Hause in New Jersey. Atemlos kauern sie um das Radiogerät, schließlich hat der wilde Tanz-Baer schon zwei Kämpfer im Ring erschlagen.

Auf diesen Höhepunkt steuert der Film zwei Stunden lang zu und pendelt dann zwischen den beiden Schauplätzen hin und her. In der Parallelmontage – vom Boxkampf zur Familie und zurück – zeigt sich die Strategie des gesamten Films. Regisseur Ron Howard („Apollo 13“) schnürt zwei Genres zusammen, mit denen er sein Publikum zu emotionalisieren hofft: den Sportfilm als das Melodram des harten Mannes und das Familienmelodram, dem traditionellen weepie für weibliche Zuschauer. Dazu mischt sich, wie so oft bei Ron Howard, ein Hang zur Nostalgie, die weitere Gefühlsstimulanzien injiziert. Howards Vergangenheitssehnsucht bezieht sich diesmal auf die Filme des Hollywoodkinos der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Vor allem aber gilt sie einer Zeit, in der die amerikanischen Werte noch selbstbewusst wie ein Weltmeistergürtel zur Schau getragen wurden.

Howard praktiziert das auf eine Art, die man wegen ihrer verwegenen Gutherzigkeit beinahe bewundern könnte, wäre die Ideologie des Films nur einen Hauch verschleierter. Jim Braddock ist ein aufrechter Mann, der selbst in dunkelsten Momenten den Glauben an sein Land nicht verliert. Weder die Große Depression, die seine Familie hungern lässt, noch die Kapitalisten, die ihn als Dockarbeiter ausbeuten, können ihn erschüttern.

Wenn der hungernde Sohn eine Salami klaut, geht der Vater mit ihm zum Metzger zurück. Wenn Braddock sich Geld vom Sozialamt leihen muss, trägt er die Schulden honorig wieder ab.Und der Abspann informiert uns, dass Braddock später ehrenhaft im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Braddocks Biografie wird in dieser „wahren Geschichte“ ausgebeutet für Werte wie harte Arbeit, Familie, Patriotismus und der zweiten Chance, die sich dem bietet, der standhaft den American Dream träumt. Man muss schon zu James Stewart oder Gary Cooper in ihren Frank-Capra-Filmen zurückgehen, um ähnlich anständige Helden zu finden.

Russell Crowe spielt seine Rolle aufrechten Hauptes. Seine Physis reicht aus, um ihn als Boxer glaubwürdig erscheinen zu lassen. Und man nimmt ihm auch die leisen Seiten von Braddock ab, der wie schon sein „Gladiator“ an dem leidet, was man als „E.T.“-Syndrom bezeichnen könnte: der stillen Sehnsucht nach dem Zuhause.

Was Braddock dort will, ist freilich nur halbwegs nachvollziehbar. Denn Ehefrau Mae ist ein dauerbesorgtes Hascherl. Die oft erstaunliche Renée Zellweger hat dabei die wenig beneidenswerte Aufgabe, durchgehend mit tränenerstickter Stimme zu agieren. Ästhetisch gewinnt der Film weder dem Familienmelodram noch dem Boxfilm Neuland hinzu. So bleibt das Überraschendste an dieser Hollywood-Prestigeproduktion, dass sie so wenige Überraschungen zu bieten hat.

In 20 Berliner Kinos. OV im Cinestar Sony-Center

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