Kultur : Mit doppeltem Boden

Das Fauré Quartett spielt Martinus Klavierquartett im Werner-Otto-Saal.

Tomasz Kurianowicz

Man muss schon ein Herz aus Stein haben, um sich von Bohuslav Martinus Klavierquartett nicht ergreifen zu lassen. Da ist alles drin: schnoddrige Jauchzer, melancholische Seufzer und dann immer wieder diese kecken Ausbrüche, die den Witz des Tschechen als leitmotivischen Widerhall enttarnen. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt spielt das Fauré Quartett entlang dieser Linien: präzis, kraftvoll, mit Respekt und Verve. Ein Spagat, der sich anfühlt wie eine Fahrt mit einem Sportwagen auf den Landstraßen nach Prag. Das Quartett gibt Gas, bremst ab, kehrt um. Man weiß nie, was nach der nächsten Kurve passiert.

Nach der 25-minütigen Aufführung kommt Arno Lücker aufs Podium, der von der Biografie von Martinu und den Eigenheiten des Stücks erzählt. Das Zuhören lohnt sich: denn das Changieren zwischen den Sphären – zwischen Jazz, Brahms, böhmischem Folk, antiwagnerischer Ironie – könnte das Ergebnis eines slalomartigen Lebenslaufs sein. Erst wurde Martinu wegen „unverbesserlicher Faulheit“ aus dem Konservatorium geschmissen, dann kam er doch noch zu einem Job als zweiter Geiger in der Tschechischen Philharmonie. Und schließlich wanderte er nach Amerika aus und wurde gefeierter Komponist, auch wenn er niemals ganz gewürdigt wurde. Was ihm fehlte, war ein Hit, den sein Publikum hätte nachpfeifen können. Viel spricht dafür, dass das Absicht war.

Als das Fauré Quartett den letzten Satz nach der Lektion ein zweites Mal spielt, kann man dies genau nachvollziehen: Das Stück schöpft aus dem Reservoire der Musikgeschichte, elektrisiert, ergreift, und dennoch ist nirgends eine Melodie herauszuhören, auch wenn sie immer wieder am Horizont aufscheint. Aber genau in diesem ironischen Entsagen liegt die Stärke von Martinu. So klar wie an diesem Abend hat man das lange nicht mehr gehört. Tomasz Kurianowicz

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