Kultur : Mit dunklen Brillen nach Brüssel

ECKART SCHWINGER

"Sie sind eins der markantesten Orchester", sagte Willy Hannuschke voller Stolz nach einer gelungenen Probe zu seinen jungen Musikern im RIAS Jugendorchester.Und "Der Kurier" gab ihm recht: "Wer die besten Orchester Berlins nennt, darf das RIAS Jugendorchester unter keinen Umständen vergessen." Dieses Lob wurde dem Orchester bereits 1955 ausgesprochen.Zu seinen Mitgliedern zählte damals immerhin ein Könner wie Karl Leister, der danach Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker wurde und nun auch zum Jubiläumskonzert des ältesten Jugendorchesters Europas in der Philharmonie das Mozart-Klarinettenkonzert mit dem RIAS Jugendorchester musizieren wird - wie vor 41 Jahren!

Was war das damals für eine Zeit! Ein Drittel der jungen Musiker, Studenten und Absolventen der Musikhochschulen kam in diesen Jahren, als es noch keine Mauer gab, aus dem Ostteil der Stadt.So war es auch möglich, daß ich als Dresdner gewissermaßen "schwarz" an der Charlottenburger Musikhochschule studierte.Ich schaute mit gehörigem Respekt auf die Studienkollegen, von denen man sich erzählte, sie seien Mitglieder der Hannuschke-Truppe, und ich war sehr überrascht, als mir ein Mitstudent mitteilte, daß ich mich zur nächsten Probe im RIAS Jugendorchester einstellen solle, denn Hannuschke brauche acht Hörner für Brüssel.

Willy Hannuschkes Ehrgeiz, beim Treffen internationaler Jugendorchester auf der Brüsseler Weltausstellung 1958 in großer Besetzung anzutreten (so zum Beispiel mit zehn Kontrabässen), verdanke ich mein kurzes, unvergessenes Intermezzo bei diesem Orchester.Hannuschke, der sechzehn Jahre das RIAS Jugendorchester leitete, war mit seiner rasch aufgestockten Horngruppe, die bei Blachers Paganini-Variationen und Strawinskys Jeu de Cartes im offenbar gewünschten Ton munter losprasselte, sehr zufrieden.Noch heute ist mir der euphorische Ausruf des pädagogisch ungemein geschickten Dirigenten in lebhafter Erinnerung: "Hörner, wo haben sie diesen schönen, trockenen Strawinsky-Klang her?" Wir konnten es ihm nicht sagen.

Wer von uns mit nach Brüssel reisen wollte, mußte einen Reisepaß haben, den wir ostdeutschen Studenten nur vom Hörensagen kannten.Wer A sagt, muß auch B sagen.Und so holten wir uns unverzüglich einen Reisepaß bei der Alliierten Kommandantur.Aber damit konnten wir im Bahnhof Zoo nicht in den Zug steigen, in dem der überwiegende Teil des Orchesters durch die DDR gen Brüssel reiste.Die ostdeutschen Musiker mußten nach Hannover fliegen und konnten erst dort in den Zug steigen.Auf dem Flugplatz in Hannover war es uns doch ein wenig bänglich.Hier seien, so glaubte man uns warnen zu müssen, die Späher und Lauscher besonders dicht gesät.Also zogen wir, um nicht erkannt zu werden, mit dunklen Brillen auf der Nase unauffällig auffällig durch die Gänge.Aber das war dann auch schon der einzige tragikomische Aspekt, der mir von dieser Reise zur Zeit des kalten Krieges in Erinnerung geblieben ist.

Brüssel nahm uns alle sofort gefangen, nicht zuletzt das Gelände der Weltausstellung mit dem damals attraktiven Atomium.Und das Beisammensein mit den anderen europäischen und außereuropäischen Jugendorchestern, mit denen wir uns einen friedlichen Wettstreit lieferten, war außergewöhnlich reizvoll.Die ansteckende Fröhlichkeit, der Gemeinschaftssinn des israelischen Jugendorchesters beeindruckten mich ganz besonders.So reibungslos wie in Berlin gingen dann aber die Proben, auf denen Hannuschke unerbittlich bestand, nicht vonstatten.Zunächst fehlte der geeignete Probenraum (den stellte schließlich der belgische Rundfunk zur Verfügung), außerdem gab es einen kleinen Eklat, weil ein Teil unserer Truppe an einer Exkursion der Jugendorchester nach Ostende teilgenommen hatte und bei der Probe fehlte.Und dann verließ auch noch bei der Brüsseler Generalprobe die Hornisten der Frohsinn.Hannuschke beruhigte das Orchester: "Keine Angst, die Herren haben heute abend eine Attacke auf uns vor." Und so war es dann auch.Obwohl das kühne Programm mit der Uraufführung der Zwei Orchesterstücke über ein Chanson des Binchois von Ernst Pepping, mit einer Telemann-Ouvertüre, der g-Moll-Sinfonie KV 550 von Mozart, den bereits erwähnten Paganini-Variationen von Blacher und Jeu de Cartes von Strawinsky bereits in Berlin "stand" - Hannuschke feilte und feilte auch in Brüssel daran weiter.Wenn etwas mißlang, fuhr er nie aus der Haut.Diplomatisch, wie er nun einmal war, leitete er seine behutsamen Beanstandungen mit den Worten ein: "Keine Kritik, nur ein Hinweis." Sie machten bei uns später als "gefügelte Worte" die Runde.Das von zig Rundfunkstationen übertragene Konzert am 19.Juli 1958 von der Weltausstellung in Brüssel ging endlich sehr glücklich über die Bühne.Dabei war einiges musikalisch für die damalige Zeit ungewöhnlich: die eingelegten Verzierungen beim Telemann von Werner Smigelski am Cembalo, der streng durchgezeichnete Mozart in der originalen Oboenfassung, das jugendlich stürmische Tempo, der Drive, die prickelnde Spielfreude des gefeierten jungen Berliner Orchesters.Die mit einigen Anspannungen, Nervositäten und Überraschungen verbundene Orchesterarbeit und die für manche von uns abenteuerliche Reise hatten ihren Lohn: das RIAS Jugendorchester wurde in Brüssel zum besten Jugendorchester der Welt gekürt.Die Rückreise nach Berlin verlief, obwohl wir uns nun wieder dem eisernen Vorhang näherten, in aufgekratzter Stimmung.Ob sich die jungen Spielleute aus der DDR wegen der Stasispitzel auf dem Flugplatz in Hannover nochmals mit dunklen Brillen tarnten, ist mir nicht in Erinnerung geblieben.

50 Jahre RIAS Jugendorchester, Jubiläumskonzert am 22.März in der Philharmonie.Dirigent: Andreas Delfs, Solist: Karl Leister.Werke von Blacher, Mozart, Ravel, Strauss.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben