Kultur : Mit eigener Kraft

Henry Kissinger, Fareed Zakaria, Niall Ferguson und David Daokui Li diskutieren über China im 21. Jahrhundert.

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Debatten über Chinas Zukunft scheinen beinahe so alt wie das Riesenreich selbst. Steigt es weiter auf oder wieder ab? Wer kann das schon genau wissen? Vier Experten haben in einem Gespräch am 17. Juni 2011 im Rahmen der „Munk Debates“ – dem bedeutendsten internationalen Politikforum in Kanada – den Versuch gewagt, das Für und Wider einer zukünftig die Welt dominierenden Supermacht China abzuwägen: Henry Kissinger, der als Außenminister der Vereinigten Staaten entscheidend zur Normalisierung der Beziehungen zwischen seinem Land und China beigetragen hat; Fareed Zakaria, wie Kissinger amerikanischer Starautor politischer Bücher, international bekannt geworden unter anderem durch seinen Bestseller „Der Aufstieg der Anderen: Das postamerikanische Zeitalter“; Niall Ferguson, in Harvard lehrender Historiker mit Fellowships in Oxford und Stanford, ebenfalls Bestsellerautor, zuletzt mit „Der Westen und der Rest der Welt“; und nicht zuletzt David Daokui Li, Direktor des Zentrums für Außenwirtschaft an der Fakultät für Wirtschaft und Management der Tsinghua-Universität in Peking und eines der drei wissenschaftlichen Mitglieder des währungspolitischen Beratergremiums der chinesischen Zentralbank sowie Abgeordneter des Volkskongresses und Mitglied des Politischen Beratungskomitees des Chinesischen Volkes.

Die Debatte dieser vier ausgewiesenen Experten der internationalen Politik liegt nun auch in gedruckter Form vor. Ihr Reiz ist, dass sie auf knappem Raum die Hauptthesen der jüngsten Veröffentlichungen ihrer Protagonisten zusammenfasst – eine Art „Best of“ zur aktuellen China-Debatte. Dabei teilt sich die Vierer-Gruppe in zwei Lager: Niall Ferguson und David Li sagen voraus, dass die Volksrepublik das 21. Jahrhundert beherrschen wird. Henry Kissinger und Fareed Zakaria bezweifeln dies. Ferguson macht darauf aufmerksam, dass China in achtzehn der vergangenen zwanzig Jahrhunderte die mit Abstand größte Volkswirtschaft der Welt gewesen ist. Das 19. und 20. Jahrhundert stellen für ihn Ausnahmen dar. In den vergangenen dreißig Jahren habe sich das Wirtschaftsvolumen der Volksrepublik nahezu verzehnfacht.

Ferguson zitiert den Weltwährungsfonds, der davon ausgeht, dass China in nur fünf Jahren die größte Volkswirtschaft der Welt sein wird. Schon heute habe es die Vereinigten Staaten als weltgrößter Industrieproduzent und Automobilmarkt überflügelt. Zwar sei das Land lange auf ausländische Investitionen angewiesen gewesen, aber mit internationalen Währungsreserven in Höhe von mehr als drei Billionen Dollar und Vermögenswerten in Höhe von zweihundert Milliarden Dollar sei China inzwischen der Investor schlechthin. Die eindrucksvollste Leistung besteht für Ferguson jedoch darin, dass China inzwischen auf den Gebieten der Innovation und der Bildung zu anderen Nationen aufschließt: Heute melde China pro Jahr fast so viele Patente an wie Deutschland. Und in einem internationalen Mathematiktest der OECD hätten die Schüler aus der Region um Schanghai am besten abgeschnitten.

Dem entgegnet Zakaria, dass das chinesische System „hoffnungslos“ ineffizient sei, und verweist auf eine „riesige“ Immobilienblase. Auch das Wachstum selbst hält er für „extrem“ ineffizient: In China investierten Ausländer pro Monat so viel wie in Indien im ganzen Jahr und trotzdem wachse die chinesische Wirtschaft nur um zwei Prozentpunkte schneller als die indische. Darüber hinaus führt er einen Bericht der Vereinten Nationen an, nach dem China in den nächsten 25 Jahren ein Bevölkerungskollaps bevorsteht – die Bevölkerung soll um vierhundert Millionen sinken. Dabei habe es zu keinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte eine führende Weltmacht mit einer schrumpfenden Bevölkerung gegeben.

Li stellt die Frage, wie groß vor diesem Hintergrund der internationale Einfluss Chinas in neunzig Jahren sein wird. Seine Antwort: Er wird vielschichtig sein. Denn erstens habe der chinesische Aufstieg den Menschen in armen Ländern Hoffnung gemacht. Und zweitens biete dieser Aufstieg ein alternatives Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell an.

Zwar nötigen auch Kissinger die „gewaltigen Leistungen“ der Volksrepublik großen Respekt ab. Aber er ist davon überzeugt, dass China im 21. Jahrhundert mit gewaltigen innenpolitischen Problemen konfrontiert sein wird und sich vor allem mit seiner unmittelbaren Umgebung beschäftigen wird. Aus diesem Grund fällt es ihm sehr schwer, sich eine Welt vorzustellen, die von China beherrscht sein wird. Zudem beruhe die Vorstellung, dass die Welt von einem einzigen Land beherrscht werden könne, auf einem falschen Verständnis der heutigen Welt. Damit dürfte Kissinger am ehesten die zukünftige Weltordnung beschrieben haben, in der China zwar eine zentrale, nicht aber eine alles beherrschende Rolle auf dem internationalen Parkett spielen wird.



– Henry Kissinger, Fareed Zakaria, Niall Ferguson, David Daokui Li:
Wird China das 21. Jahrhundert beherrschen? Eine Debatte. Pantheon Verlag, München 2012. 109 Seiten, 9,99 Euro.

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