Kultur : Mit einem Pinselstrich

Zum 80. Geburtstag des großen Spaniers Antoni Tàpies

Yasmin Opielok Enge

So unscheinbar das schmale Stadthaus der Familie Tàpies in der Calle Saragossa, oberhalb der Stadt Barcelona, von außen wirkt, desto eindrucksvoller ist das Atelier des Maestros: Ein hoher Raum mit dunkelroten Ziegelsteinwänden, in dem die Werke dieses Jahres hängen, stehen oder liegen. Mitten in seiner mächtigen Bilderpracht steht der Künstler bescheiden neben seiner Managerin und Ehefrau Teresa, mit der er seit 48 Jahren verheiratet ist und drei Kinder hat.

Ernst, aber gütig blicken die schwarzen Augen des Spaniers durch die Brille, höflich bittet er zum Gespräch die schmale Treppe hinauf in sein Wohnzimmer. Ein Raum voller Skulpturen und Bildern. Romanische, asiatische, afrikanische und präkolumbianische Kunst, dazwischen ein Bild von Paul Klee. Seine Hände sind lang und kräftig. Man sieht ihnen an, dass sie über 7500 Kunstwerke geschaffen haben.

Antoni Tàpies zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen und internationalen Künstlern. Seit den Sechzigerjahren werden seine Bilder und Skulpturen in den großen Museen der Welt ausgestellt. Rückblickend auf sein Lebenswerk erzählt er: „Es gibt eine alte chinesische Geschichte, die besagt, dass ein Pinselstrich die ganze Welt ausdrücken sollte. Meinen Pinselstrich muss ich immer noch verbessern. Ich bin stets auf der Suche nach dem perfekten Bild.“

Tàpies ist Autodidakt. Mit der Malerei begann der Sohn einer großbürgerlichen Familie erst 1945, nachdem er in seiner Geburtsstadt Barcelona sein Jurastudium abgebrochen hatte. Aber schon als Kind hatte er eine Vorliebe für das Experimentieren: „Eines Tages kam ich auf die Idee, den Scheuersand der Kochtöpfe mit Klebstoff zu vermischen.“ Was einst Spiel war, wurde der Grundstein seiner künstlerischen Karriere: Noch immer bilden Sand, Leim, Lehm und Marmorstaub die Basis vieler seiner bis zu sechs Meter großen, reliefartigen Material- und Mauerbilder, die ihn 1953 während eines einjährigen Aufenthaltes in Paris berühmt machten.

Besonders die Begegnung mit Joan Miró 1948 als 25-Jähriger war für seine Malerei prägend. Mit seinem älteren Freund teilte er die gleiche Vorliebe für Materialien, für alte Mauern und Häuserfassaden mit Graffiti. „Miró hat etwas Magisches in seinen Bildern. Er hat nur mit erfundenen Formen und Farben gearbeitet“, erzählt er. Die Surrealisten dagegen wie Dalí mit Ausnahme von Max Ernst verachtet der Katalane: „Ihre Theorie war interessant, aber in der Praxis haben sie nie etwas Eigenes geschaffen, sondern wie lächerliche Akademiker gemalt.“

Tàpies Werke sind nicht leicht zu verstehen. Chiffren wie geometrische Zeichen und Buchstaben, große Kleckse, Sinnesorgane und Leere verschlüsseln den Inhalt. Statt leuchtender Farben verwendet er meist Grau, Schwarz oder Ocker. Eine wichtiges Symbol ist für ihn das Kreuz. „Es ist ein uraltes Zeichen der Menschheit. Früher hatte es für mich die Bedeutung eines Totenhauses“, erzählt er. „Das große Leid nach dem Bürgerkrieg, die Franco-Diktatur, verwandelte Spanien in einen Friedhof.“ Heute verwendet er das Kreuz als Symbol für das Universum. Es steht aber auch für Tàpies und Teresa.

Noch immer malt er die meisten Werke auf den Boden, was seine in dicken Schichten aufgetragene Mischtechnik erfordert. „Oft male ich ohne nachzudenken und lasse mich nur von meinem Unterbewusstsein leiten.“ An die 60 Bilder schafft er pro Jahr. Im Sommer ist er am kreativsten. Dann zieht es ihn auf seinen Landsitz in den Pyrenäen, und er arbeitet bis in die Nacht.

Tàpies liebt die einfachen Materialien und kleinen Dingen des Alltags, die für ihn mehr aussagen als die Großen. Figurative Kunst interessiert ihn nicht: „Im 21. Jahrhundert haben Foto- und Videokamera diese Arbeit des Künstlers übernommen und ihn von der jahrhundertlangen Knechtschaft befreit, die Wirklichkeit original abzubilden. Das hat dazu geführt, dass der Künstler heute in seiner Thematik viel freier ist“, erklärt er. Er misstraut der visuellen Realität, die nur mit den Augen wahrgenommen wird. „Ich habe immer versucht, mich der inneren Transzendenz zu nähern. In meinen Bildern bin ich ständig auf der Suche nach Spiritualität.“

Er ist ein Kunst-Asket, einer, der viel reflektiert und dessen Lebensphilosophie im buddhistischen Glauben wurzelt: „Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Atombombe habe ich das Vertrauen in unsere westliche Welt verloren und angefangen, die Antworten meiner Lebensfragen in der indischen und chinesischen Philosophie zu suchen. Dank ihrer weiß ich, dass die wahren Dinge des Lebens dunkel und mysteriös sind, und wir lernen müssen, dies zu akzeptieren.“ Genauso so geheimnisvoll sind seine Bilder. Was will er mit ihnen ausdrücken? Sein Antwort ist fließend wie seine Werke: „Ich möchte, dass der Betrachter in meinen Bildern versinkt und meditiert. Eine Definition meiner Kunst würde ihn eher einschränken als öffnen.“ Der weise ältere Herr will nichts erklären, nur einen Weg vorschlagen, den jeder für sich selbst durchlaufen muss.

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