Kultur : Mit einem Schlag

Katarina Peters’ Dokfilm „Am seidenen Faden“

-

Boris lacht. Aber sein Lachen könnte auch ein Weinen sein: ein Juchzer, ein Schluchzer, ein Ausbruch. Zwischen Freude und Schmerz ist nur eine dünne Linie, seit Boris sich von seinem Schlaganfall – sehr langsam, sehr zäh, sehr entschieden – erholt. Er spricht schon wieder, in genauen, komplizierten Sätzen, seine Mimik ist wieder vielseitig, aber dann kommen diese Heiterkeits und Tränengewitter über ihn für einen Augenblick: pures Gefühl, unterschiedslos.

Boris ist 30, Cellist und Songkomponist, glücklich, frisch verheiratet, als er in New York einen schweren Schlaganfall erleidet. Die Diagnose: „Locked-in-Syndrom“. Wie eingeschlossen im Großhirn bei vollem Bewusstsein, kann Boris sich erst nicht mitteilen. Seine Frau, Experimentalfilmerin, die in New York ursprünglich eine Dokumentation über die Kunstszene drehen wollte, filmt nun Boris: Boris an Schläuchen. Boris, der wieder zu sich kommt. Boris, der neu essen und gehen und leben lernt – und zugleich um den Verlust weiß und ihn auch bald artikulieren kann.

„Am seidenen Faden“, die Chronik einer halbjährigen Genesung in Kliniken und des darauf folgenden schwierigen Zusammenlebens zu zweit, ist ein Dokument der Errettung und Selbsterrettung zugleich. Die Filmerin rettet den geliebten Mann in ein Projekt, das ihn fordert. Und findet selbst Zuflucht in etwas, das sie irgendwann für ihre Arbeit verwandeln kann. Und der Film bringt, wie sich am Ende eines jahrelangen Prozesses zeigt, das Paar auch kreativ zusammen: Boris macht die Filmmusik, hilft beim Schnitt, und irgendwann wird er auch wieder ein Cellokonzert geben.

Katharina Peters erzählt von dem Wunder, das ein dem beschädigten Leben abgerungenes Kämpfen ist, im Off: kritisch und selbstkritisch, ohne Beschönigung. Für ihre Einsamkeits- und Panikerfahrungen filmt sie poetische Szenen auf 35mm: Wasser, das aus einem Cello fließt, ihre Häkelarbeit an einem Gewebe, das eine luftige Gehirnwindung sein könnte, eine Konzertparty, die in eine Überschwemmung übergeht. Ein schmerzhafter Stilbruch – doch gibt er der klaustrophobischen Geschichte, die jeden Lebenshorizont erweitert, visuelle Weite. Als hätte die Regisseurin Märchenbilder gesucht für eine Welt, in der das Fürchten noch geholfen hat. jal

Blow Up, Broadway, Eiszeit, Filmkunst 66 und Hackesche Höfe

0 Kommentare

Neuester Kommentar