Kultur : Mit erloschenen Augen

HEINRICH LANGE

"Kants Auge war wie vom himmlischen Äther gebildet, aus welchem der tiefe Geistesblick, dessen Feuerstrahl durch ein leichtes Gewölk etwas gedämpft wurde, sichtbar hervorleuchtete.Mir war dann immer, als wenn ich durch dieses blaue ätherische Feuer in Minervens inneres Heiligtum blickte.Traurig war es daher zu sehen, wie zuletzt das Auge, ohne seinen geistigen Glanz zu verlieren, doch matter wurde." So das Zeugnis des Kant-Schülers und Schulrats Jachmann in seiner 1804 - noch im Todesjahr des Königsberger Philosophen - veröffentlichten Biographie "Immanuel Kant geschildert in Briefen an einen Freund".

Zu den zahlreichen Kant-Bildnissen, die sich vor dem Zweiten Weltkrieg in Königsberg befanden, gehörten nach Karl Heinz Clasens verdienstvollem Buch "Kant-Bildnisse" (1924) auch von der Totenmaske angefertigte Originalabgüsse des Philosophenkopfes.Der aus Berlin an die Königsberger Kunstschule berufene Maler Andreas Knorre, ein Schüler Bernhard Rodes, hatte das Haupt des am 12.Februar 1804 im 80.Lebensjahr Verstorbenen unmittelbar nach dessen Tod in Gips abgenommen.Der Diakon Wasianski, zuletzt engster Vertrauter Kants und sein Testamentvollstrecker, vermerkt dazu in "Immanuel Kant in seinen letzten Lebensjahren" (1804): "Sein Haupt wurde beschoren, und dadurch zum Gipsabguß, den Herr Professor Knorr übernahm, vorbereitet.Nicht bloß seine Larve, sondern sein ganzer Kopf wurde geformt...".

Während nach Clasen zwei der drei Originalabgüsse in Königsberg verblieben, soll der dritte "in das anatomische Museum zu Berlin" gelangt sein.Nach allgemeiner Ansicht hat keine der Totenmasken den Zweiten Weltkrieg überdauert.Ein Hinweis auf das Schicksal der vor bald 200 Jahren nach Berlin gelangten Totenmasken und eine Abbildung davon fehlen in der Kant-Literatur.Die Berliner Anatomie mit ihrer Sammlung befand sich bis 1810, als die Totenmaske dorthin gelangte, im Königlichen Marstall auf dem heutigen Gelände der Staatsbibliothek.1810 wurde sie von der neugegründeten Universität Unter den Linden übernommen, wo im Westflügel des Gebäudes das "Anatomisch-Zootomische Museum" eingerichtet wurde.Seit 1883 beherbergt das Institut für Anatomie der Charité in der Philippstraße die Anatomische Sammlung.Eine Anfrage bei Präparator Günter Wilcke führte jetzt zu einer überraschenden Mitteilung: obgleich ein großer Teil der Sammlung im Krieg zerstört wurde, sei die Totenmaske von Kant noch erhalten.Da das Inventarverzeichnis zum Kriegsverlust gehört, lassen sich Herkunft und Erwerbszeit nicht überprüfen.Immerhin ist das Zelluloid-Schildchen aus dem 19.Jahrhundert mit der Aufschrift "Totenmaske von Immanuel Kant.Gipsabguß" und den auch auf der Maske vermerkten Inventarnummern vorhanden.

Bisher ist nur die ehemals im Königsberger Staatsarchiv aufbewahrte Kopfmaske in Clasens Werk abgebildet.Die dort gegebene Beschreibung gilt auch für das wiederentdeckte Exemplar in der Berliner Anatomie: "Durch die vollständige Abmagerung - nur die Haut liegt noch auf den Knochen - treten alle Einzelheiten des Schädels deutlich in Erscheinung.Die Nase steht schief.Ein einziger, vorstehender Zahn verschiebt den Mund nach rechts.Die mächtige Ausbildung des Hinterkopfes fällt besonders in der Profilansicht auf." Kant wäre wohl kaum mit einer die Spuren des Alters in solcher Direktheit zeigenden Büste einverstanden gewesen.Hatte er doch dem jungen Bildhauer Friedrich Hagemann, der 1801 von Hofbildhauer Schadow in das entfernte Königsberg gesandt worden war, "um den alten Philosophen zum Behuf der Marmorbüste zu modellieren", auf dessen Frage, "ob er ihn ganz getreu nachbilden solle", geantwortet: "So alt und häßlich, wie ich nun bin, dürfen Sie mich eben nicht machen!"

Nach der Büste Hagemanns und einem Abguß der Totenmaske Knorres schuf Schadow 1807/08 die Marmorbüste Kants mit gänzlich kahlem Schädel für die Walhalla bei Regensburg.Schadow schrieb am 26.Juli 1808 an seinen Auftraggeber, den Kronprinzen Ludwig von Bayern: "Von Kant will ich nur erinnern, daß seine Büste einer besonderen Richtigkeit des ganzen Schädels sich rühmen darf, indem nach dessen Tode der Maler und Professor Knorr in Königsberg das ganze Haupt abformte, wovon ich einen Abguß erhielt." Vermutlich handelt es sich bei dem Schadow als Vorlage dienenden "Abguß" um den jetzt wiederaufgefundenen Originalabguß der Totenmaske.

Während das zuletzt in der Königsberger Universität stehende Marmororiginal seit 1948 verschollen ist, befinden sich heute noch das von Hagemann in Kants Wohnhaus in Königsberg modellierte Gipsmodell in der Friedrichswerderschen Kirche in Berlin und ein wahrscheinlich von der Königsberger Fassung abgenommener Gipsabguß in der Porträtsammlung der Berliner Staatsbibliothek.

So kann bald 200 Jahre nach Immanuel Kants Tod und seiner Beisetzung im Professorengewölbe am Königsberger Dom die in der Berliner Anatomischen Sammlung alle Zeitläufe überdauernde Totenmaske vorgestellt werden.

Totenmaske von Immanuel Kant.Originalabguß der Kopfmaske von Andreas Knorre.Institut für Anatomie der Charité, Anatomische Sammlung.

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