Kultur : Mit gezückter Kamera

Wanderer zwischen den Städten: Francis Alys erhält in Berlin den blue-orange-Kunstpreis

Nicola Kuhn

Francis Alys würde überall auffallen, so lang und dünn, wie er ist. In seiner Wahlheimat Mexiko allerdings überragt er die Menschen um noch einiges mehr; hinzu kommt die helle, sommersprossige Haut, durch die er sich als Nicht-Mexikaner zu erkennen gibt. Mag er schon 18 Jahre im Lande leben, so bleibt Francis Alys doch Fremder. Trotzdem ist der gebürtige Belgier neben Teresa Margolles und Santiago Sierra, der übrigens aus Spanien stammt, einer der bekanntesten Botschafter seines Gastlandes. Mit ihren Aufsehen erregenden Aktionen und Installationen haben sie Mexiko auf die Karte der zeitgenössischen Kunst katapultiert.

Prompt standen alle drei neben Stars wie Eija-Liisa Ahtila, Rodney Graham, Paul Pfeiffer und Rikrit Tiravanija auf der Shortlist des in diesem Jahr erstmals verliehenen „blue-orange“-Preises. Das Rennen um den mit 77000 Euro höchstdotierten Preis für zeitgenössische Kunst, ausgeschrieben vom Verband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, aber machte Francis Alys, der Stillste innerhalb der stark besetzten Mexiko-Fraktion. Beobachter verwunderte dies wenig, denn die Videos, Dia-Shows, Performances und Gemälde des 1958 geborenen Antwerpeners haben ihm in den letzten Jahren höchstes Lob eingebracht.

In seinen Arbeiten manifestiert sich eine neue Kunstrichtung, die auf den Grundlagen von Fluxus, Dada, Minimal Art basiert. Mit seinen knappen Interventionen wirft Alys ein Licht auf das Großstadt-Leben, das zwar einen spielerischen Umgang mit den Widrigkeiten des Alltags zeigt, doch zugleich dessen Härten offenbart. Bei der Preisverleihung am kommenden Mittwoch im Martin-Gropius-Bau kann man sich einen Eindruck von dieser Arbeitsweise verschaffen, bei der eine typisch belgische Form surrealistischer Poesie auf die besonderen Lebensbedingungen eines mittelamerikanischen Landes stößt. Alys präsentiert dort im Lichthof seine neue Videoarbeit „Ensayo I“ („Rehearsal I“). Der schlaksige Belgier selbst sitzt hier in einem feuerroten VW-Käfer, mit dem er immer wieder einen Hügel am Rande einer Hüttensiedlung von Tijuana herauffährt und ihn dann herunterrollen lässt – gleich einem modernen Sisyphos. Dazu wird die Musikprobe einer Dorfkapelle hörbar. Die Auf- und Abbewegung des Fahrzeugs verläuft parallel mit dem für eine Probe typischen An- und Abschwellen der Klänge.

Alys ist hier eine höchst eindrückliche Metapher für den Einbruch von Modernität in ein Schwellenland gelungen: die Vergeblichkeit von Fortschritt. Der Künstler selbst nickt zu solchen Interpretationen freundlich. Das sei eher die europäische Sicht, sagt er freundlich. Obwohl er stets als Hauptakteur seiner Videos auftritt, wirkt er hinterher stets wie ein Beobachter des Ganzen, offen für jede Interpretation. Das hat ihm bereits den Ruf eingebracht, weniger wie ein Künstler, eher wie ein freundlicher britischer Landadeliger mit intellektuellen Interessen zu erscheinen. Wie ernst es ihm trotzdem ist, wird deutlich, wenn er über die minuziöse Vorbereitung des Videos spricht, damit das auf- und abfahrende Auto die hypnotische Wirkung eines Pendels gewinnt, der Eindruck eines ins Unendliche verlängerten Augenblicks entsteht.

In Mexiko selbst werden seine Arbeiten wieder anders gelesen. Diese Erfahrung machte Alys insbesondere bei jener Kunstaktion, die seinen internationalen Durchbruch begründete. In der Reihe seiner „Re-Enactments“ erwarb er im November 2000 in einem Waffengeschäft eine Neun-Millimeter-Beretta, entsicherte sie und spazierte durch die Straßen von Mexiko-City. Nach nur zwölf Minuten intervenierte die Polizei, mit der er jedoch am Tag darauf den Akt wiederholte, diesmal mit entschärfter Pistole. Beide Vorgänge wurden gefilmt; als Video-Installation laufen sie nun nebeneinander – eine Parabel auf Schein und Sein. Während im europäischen Kontext das Spektakuläre der Aktion wahrgenommen wurde, galt in Mexiko die Aufmerksamkeit dem subversiven Potenzial.

Mit solchen Inszenierungen erscheint Alys wie ein Nachkömmling der „Situationisten“ und Fluxus-Künstler, von denen er sich jedoch durch die Strenge der formalen Mittel und die Unterfütterung mit politischen Inhalten absetzt. Widrige Umstände hatten den Belgier 1986 nach Mexiko geführt – aus heutiger Sicht ein Glücksfall für alle Beteiligten: für Alys, sein Gastland, das internationale Kunstpublikum. Damals verließ er Europa, um dem Militärdienst zu entkommen, nachdem er zuvor im belgischen Tournai eine Ingenieurausbildung absolviert und in Venedig Architekturgeschichte studiert hatte. In Mexiko betätigte er sich zunächst als Ingenieur am Bau von Aquädukten und Schulen im Rahmen von NGO-Projekten. Die bleibende Fremdheit im Gastland animierte ihn schließlich dazu, sich künstlerisch mit den neuen Lebensumständen auseinanderzusetzen. „Für mich war das der einzige Weg, um klar zu kommen“, sagt er – und ist doch süchtig nach diesem Gefühl des Andersseins, das eine Wachheit für die Umgebung wahrt.

Diese besondere Sensibilität für die Lebensbedingungen der Metropole hat ihm mittlerweile Einladungen in viele große Städte beschert: In New York inszenierte er den Umzug des Museum of Modern Art nach Queens als Kunstprozession (2002), in Kopenhagen durchwanderte er die Stadt sieben Tage lang mit sieben verschiedenen Drogen im Körper („Narcotourism“, 1997), nach Venedig entsandte er auf die Biennale statt seiner selbst einen Pfau (2001), in London unternimmt er gegenwärtig sieben „Spaziergänge“ durch die Stadt, bei denen er mal mit einem Trommelstock sämtliche Häuserecken und Säulen anschlägt, mal einfach von der Sonnen- zur Schattenseite einer Straße wechselt. Der urbane Raum ist sein künstlerisches Material, das Gehen eine Grundfigur seines Werks. Berlin müsste ihn da eigentlich besonders inspirieren, die Stadt der Flaneure, die sich schon Franz Hessel und Walter Benjamin erwanderten.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 18. Oktober.

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