Kultur : Mit Glanz und Gloria

Rothko, Smith, Prince: Die New Yorker Auktionen für Nachkriegskunst brechen alle Rekorde

Matthias Thibaut

Nicht schlecht für die Fürstin: 8,4 Millionen Dollar erzielten die 135 Werke aus der Kunstsammlung von Gloria von Thurn und Taxis bei Phillips de Pury & Company in New York. Doch im Vergleich mit den sensationellen Transaktionen bei Sotheby’s und Christie’s in dieser Contemporary-Woche wirkte sie fast wie eine Provinzauktion. Bei Christie’s hatte Gunter Sachs mit einem einzigen Papstporträt von Francis Bacon mehr Erfolg als die Fürstin mit allen ihren Schnelleinkäufen. Der erfahrene Kunstsammler hat sein Bild in den sechziger Jahren günstig gekauft und seither treu gehütet. Nun brachte es durch den Berliner Kunstberater Heinrich zu Hohenlohe, der es wohl für eine deutsche Sammlung kaufte, einen Rekordpreis von 10,1 Millionen Dollar.

Die fürstliche Kunstsammlung hatte durchaus ihre Glanzlichter – wobei man gleichzeitig auch in die Abgründe des Kunstmarktes blicken konnte. Auf der einen Seite brachte Paul McCarthys 2004 entstandene Bronzeskulptur „Santa Long Neck“ stolze 856000 Dollar – auf der anderen musste Gloria von Thurn und Taxis eine Reihe von Spontankäufen für 120 Dollar verramschen lassen – darunter zwei 2005 entstandene Arbeiten von Marc Ledogars, die auf 1500 bis 2000 Dollar geschätzt waren. Anselm Kiefers Bleibuchskulptur „XXI Claudia Quinta“ erzielte 340800 Dollar, auch sie kam praktisch direkt aus dem Atelier. Mit so junger Kunst nährte die Fürstin den Verdacht, sie habe ihrem Freund, Auktionator Simon de Pury, und seinem allmählich in den Nischen des Celebrity Marketing verschwindenden Auktionshaus ein bisschen Schwung verleihen wollen. Doch die Sammler reagieren auf solche Spekulationen misstrauisch. Die Preise blieben maßvoll, und der Celebrity Bonus blieb aus.

Auf dem New Yorker Auktionsparkett werden nun andere Maßstäbe angelegt. Nie war Kunst so sehr „real estate“, wie die Amerikaner sagen. Skulpturen und Bilder werden verkauft wie Appartementblocks und Einkaufszentren. Und oft noch teurer. Wer dachte, der Markt habe in den letzten Jahren schon gefährliche Höhen erreicht, musste nun staunend eine neue Preisexplosion verfolgen.

Zuerst kam Christie’s. Mit 157 Millionen Dollar lag die Auktion auf dem Niveau der Impressionisten. Nachkriegsklassiker wie Rothko, Lichtenstein, Warhol, Bacon sind nun teuerer als Monets und viele Picassos. Rothkos „Hommage to Matisse“ zum Beispiel, eingeliefert von dem kalifornischen Immobilienspekulanten Edward R. Broida. „Wenn man das Bild ansieht, wird man selbst zur Farbe“, hatte Rothko gesagt, der oft stundenlang vor dem Bild stand. Nun brachte es 22,4 Millionen Dollar, so viel wie eine Woche zuvor Toulouse-Lautrecs Rekordbild einer Wäscherin.

Für 24 Stunden war es das teuerste Werk der Nachkriegskunst.  Doch schon am nächsten Abend setzte Sotheby’s eine neue Höchstmarke für eine Skulptur des Amerikaners David Smith. Dessen „Cubi“-Serie, Großskulpturen aus poliertem Edelstahl, gilt als Höhepunkt der amerikanischen Plastik des 20. Jahrhunderts. Nun lieferte ein texanischer Ölmillionär Smiths letztes Cubi ein – die Nummer XXVIII. 12 Millionen Dollar waren taxiert. Der New Yorker Händler Larry Gagosian musste das Doppelte zahlen: 23,8 Millionen Dollar.

Überall schossen die Preise in die Höhe. Bei Christie’s brachte ein Viertel der Bilder Rekorde. Ein Sohn des Künstlers Roy Lichtensteins hatte „In the Car“ eingeliefert – mit 16,2 Millionen Dollar wurde der bisherige Höchstpreis für ein Werk Lichtensteins verdoppelt. Richard Prince Ektacolor-Version des Marlborough Cowboys,  180 Zentimeter breit und nur in zwei Exemplaren gedruckt, erzielte 1,24 Millionen. Damit wurde es nicht nur zum teuersten Werk von Prince, sondern zum teuersten Foto der Auktionsgeschichte überhaupt – teuerer als die raren Fotoinkunabeln des 19. Jahrhunderts von Gustave Le Gray oder Girault de Pangey, teuerer noch als moderne Klassiker wie Man Ray oder Alfred Stieglitz.

Es gab Rekorde für Nachkriegsklassiker wie Ed Ruscha, Robert Indiana, Hans Hofmann und für aktuelle Kunst von Gilbert & George bis Elizabeth Peyton. Am Ende spendierten sich die Akteure gegenseitig Beifall dafür, dass sie die Preise ihrer Kunstlager wieder ein bisschen nach oben getrieben hatten.

Auch Sotheby’s konnte mit einer Gesamteinnahme von 115 Millionen Dollar seine bisher beste Contemporary-Auktion feiern. Neben der Smith-Skulptur gehörte Andy Warhols „Jackie Frieze“ mit 9,2 Millionen zu den Spitzennotierungen. Es gab Rekorde u.a. für Cy Twombly (8,7 Mio. Dollar), Louise Bourgeois’ Spinnenskulptur (3 Mio. Dollar) und das Schmetterlingsbild  „The most beautiful Thing in the world“ von Damien Hirst mit 954800 Dollar. Niemand weiß, ob dieses Preisniveau weiter gesteigert werden kann. Sicher ist nur, dass enorme Geldströme in die Kunst fließen und sich die Sammlerbasis der Contemporary Art international ausweitet – bis nach Asien. Aber es sind die Amerikaner, die bei Christie’s 82 Prozent der Käufer stellten, und alle anderen im Preiskampf ausstachen.

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