Kultur : Mit Göttern speisen

Peter Köhler

Der Poet Jossif Brodski wurde in der Sowjetunion 1964 zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, weil er eine "parasitäre Existenz" führe. Wer nicht arbeitet, ist ein Schmarotzer: In diesem Sinn sind die Parasiten hierzulande im Bewusstsein geblieben - als arbeitsscheues Gesindel, arbeitsunwillige Sozialhilfeempfänger, als Tagediebe, die anderen Leuten auf der Tasche liegen. Doch es gibt immer auch ein wenig Neid auf die Leute, die sich das Recht auf Faulheit herausnehmen, und vielleicht lässt dieser Neid antikes Erbe spüren: Ulrich Enzensbergers materialreiche Begriffsbiografie zeigt nämlich, dass der Parasit ursprünglich eine hoch angesehene Persönlichkeit war. Im Griechenland des Altertums war er ein Tischgenosse der Götter: ein Priester, der die zum Opfer bestimmten Speisen bei den Bürgern einsammelte, sie der Gottheit darbrachte und stellvertretend für die Gemeinde verzehrte. Selbst als der Parasit zum "Mitesser" - so die Wortbedeutung - am Tisch eines Reichen herabgesunken war, genoss er als geistreicher Unterhalter einen gewissen Ruf.

Doch in der Neuzeit wurde der Parasit zur Gefahr. Nach einem Umweg über die Biologie, wo man die Mistel, die Laus, die Trichinen und die Bakterien als Parasiten enttarnt hatte, kehrte der Ausdruck in die Soziologie zurück und wurde zum politischen Schlagwort. Für die sowjetische Gesellschaftsordnung wurde er zum Schädling, den es auszumerzen galt, während Nationalisten und Antisemiten analog zur Hygiene, die die Bazillen abwehren sollte, "Rassenhygiene" forderten. Im ersten Weltkrieg hatte man verlauste Armeekleidung mit Blausäure desinfiziert. Deren Weiterentwicklung war das Zyklon B.

In der Biologie allerdings befindet man sich gänzlich jenseits der Kategorien von Gut und Böse. Wie Enzensberger darlegt, gehört das Parasitentum untrennbar zu allem Leben. Das zeigt nicht nur ein Blick auf die Gentechnik: Der größte Teil der menschlichen DNA ist Datenmüll, fünf Sechstel der Erbsubstanz sind untätig und lassen den Rest die ganze Arbeit tun. Das nächstliegende Beispiel ist der Mensch selbst, der Pflanzen und Tiere isst.

Der richtige Parasit aber schont seinen Wirt. Vielleicht sollte der Mensch, statt ihn zu verteufeln, ihn sich zum Vorbild wählen. Ein bisschen weniger Arbeit und etwas mehr Faulheit für alle wären die löbliche Nebenwirkung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar