Kultur : Mit Handmaß

Schwergewichtige Schönheit: Skulpturen und Wandarbeiten von Robert Schad in der Galerie Nothelfer

Michael Zajonz

Obwohl die Malerei schon etliche Male für tot erklärt worden ist, gibt sie sich derzeit ziemlich lebendig. Gleiches lässt sich von der Skulptur leider nicht sagen – einer Gattung, der schon durch den schweißtreibenden Prozess ihrer Herstellung die Aura des Unzeitgemäßen anhaftet. Nun ist es beileibe nicht so, dass das Interesse an dreidimensionalen Objekten im Zeitalter der neuen Medien gänzlich erlahmt wäre. Nur gelten eben die bildhauerischen Techniken des Abtragens und Aneinanderfügens als hoffnungslos old-fashioned.

Wie kann sich ein „klassisch“ arbeitender Bildhauer in einer dem autonomen Einzelwerk skeptisch gegenüberstehenden Umgebung behaupten? Robert Schad, der in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, hat eine ebenso einfache wie einleuchtende Antwort gefunden: Mit einem formal konzisen Werk, das ernst zu nehmende Angebote an andere Medien wie etwa den zeitgenössischen Tanz formuliert, ohne sein spezifisch plastisches Fundament aufzugeben. Georg Nothelfer bietet in seinen lichtdurchfluteten Räumen am Landwehrkanal nun eine konzentrierte Übersicht über das letzte Jahrzehnt: kleine bis mittelgroße Skulpturen (bis 3,9 Meter hoch) sowie als „Zeichnungen“ titulierte Lackarbeiten auf Stahlblech.

Schads bevorzugtes Material ist seit bald zwei Jahrzehnten der Baustahl. Seine Skulpturen für den Innenraum – auf solche beschränkt sich die Auswahl – fügt er aus 45 Millimeter starken, massiven Vierkantprofilen zusammen: „Das Maß meiner Hand“, kommentiert der Künstler. Mit einem Gehilfen schneidet er aus der sechs Meter langen Industrieware unregelmäßige Segmente, die zu räumlich komplexen, vielfach abgeknickten Liniengespinsten montiert und verschweißt werden. Bis auf die seit einigen Jahren verwendeten Kreiselemente ist hier nichts gebogen oder geschmiedet. Gleichwohl eine echte Knochenarbeit, die man den Skulpturen und ihren eleganten Gelenkstellen jedoch nie ansieht.

Im Gegenteil. Als Robert Schad Ende der Achtzigerjahre gemeinsam mit Gerhard Bohner die legendäre Tanz-Skulptur-Performance „Im (Goldenen) Schnitt“ erarbeitete, zeigte sich der formbewusste Tänzer und Choreograf Schads Arbeiten gegenüber zunächst skeptisch. Doch Bohners Einwand, den Schad noch heute gern erzählt, traf es präzise: „Was soll ich hier noch tanzen. Deine Skulpturen tanzen doch genug.“

Trotz aller Beweglichkeit – es ist eine strenge, abstrakte Spur, die Schad in den Raum zieht. Der Stahl glänzt erhaben blauschwarz, betont die unerbittliche Präzision der Linie, den zeitlichen Verlauf. Dank virtuoser Formbeherrschung erscheint das Tonnenschwere jedoch leicht, ja oft genug leichtfüßig. Etwa bei „Ennet Me“ (29 000 Euro), die buchstäblich endlos in tänzerischer Eleganz verharrt. Oder bei der nur einen halben Meter hohen „Yrgand“ (6500 Euro) mit ihren zum Pas de deux gespitzten Tentakeln. Erst auf den zweiten Blick erschließen sich hingegen die weit eher auf das Substrat dieser virtuellen Bewegung als auf eine Illustration des Arbeitsprozesses zielenden „Zeichnungen“ (ab 750 Euro).

Das alles ist fraglos von hohem formalen Reiz. Für den Vorgarten taugen Schads schwergewichtige Schönheiten dennoch nicht. Weil sie in ihrer oft expansiven Dehnung (exemplarisch die skriptorale Bodenarbeit „Raumad“, 17.500 €) nach einem gefassten, zuweilen sogar nach einem disziplinierenden Umraum verlangen. Wer Schads Umgang mit dem Genius loci erleben möchte, dem seien zwei Ausflüge empfohlen. Im nördlichen Innenhof des Bundesfinanzministeriums kämpft seit 2001 die 40 Tonnen schwere Skulptur „Courante“ mit den rigiden Fassaden des ehemaligen Nazibaus. Wie differenziert Robert Schad auf einen landschaftlichen Kontext reagieren kann, zeigt die gerade eröffnete Ausstellung im Lehniner „Skulpturengarten am Klostersee“ (bis 28. September). Nothelfer stellt als Appetizer die nur wenige Zentimeter hohen Modelle der sechs eigens entwickelten Skulpturen aus. Schon sie lassen ahnen, wie weit sich ihre stählernen Stängel und Sprossen von mimetischer Naturaneignung entfernt haben. Dieses Wachstum geht durch den Kopf.

Galerie Georg Nothelfer, Corneliusstraße 3, Dienstag bis Freitag 11–18.30 Uhr, Sonnabend 10–14 Uhr.

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