Kultur : "Mit Haut und Haar" von Martina Döcker und Crescentia Dünßer

Silvia Hallensleben

Der Körper als Landschaft betrachtet, Täler und Kuppen, durch Kameraperspektive und Ausleuchtungskunst herausgemeißelt. In den dreißiger Jahren hat die Fotografie solche neuen Blickerlebnisse für sich entdeckt. Mittlerweile sind die Körperspaziergänge als ein Standard-Aphrodisiakum der Filmerotik nicht nur inflationär geworden, sondern schon ärgerlich, scheinen die Kamera-Streifzüge über perfekt ausgeleuchtete makellose Haut doch vor allem dem Schönheitsimperialismus zu dienen.

Mit einer kunstvoll ausgeleuchteten Hautlandschaft beginnt auch dieser Film, so nah dran am Objekt, dass der Haarflaum im Gegenlicht steht wie Palmen im Wüstensand. Gleich könnte hinter dem Hügel rechts die Morgensonne aufgehen, in schwarz-weiß statt rotgülden. Und auch die Dünen sind nicht samtglatt, sondern schon verkarstet, von Jahren und Wind und Sonne, Lachen und Weinen gefurchte Altershaut.

Ist es ein billiger Effekt, einen Film über alte Frauen ausgerechnet mit solchen Bildern beginnen zu lassen? Könnte es wohl sein. Wenn die Bilder auf Schockeffekt setzen würden. Oder umgekehrt auf gewaltsame Ästhetisierung. Aber hier sind sie einfach da, ausgiebig, zum ruhigen Anschauen und Nachdenken und immer wieder. Nicht ganz abstrakt, doch auch nicht personalisiert. Diese Spannung bleibt unaufgelöst. Und Sophie Maintigneux, die Kamerafrau, ist gottseidank streng genug, sich etwaige Kamerafahrten die Körperkurven entlang zu verbieten. Ein bißchen war das mit dem Anfang gelogen. Denn da war schon ein Bild vorher, kein unwichtiges. Ein Auge nämlich, ein einzelnes rechtes, auch sehr nah, dass uns aufmerksam und geradeaus anblickt. Vor unserem also ihr Blick. Der von Christel Cranz-Borchers, 96 Jahre alt. Dann fängt sie an zu sprechen. Und dann die anderen auch. Sechs Frauen lernen wir in diesem Film kennen, die Jüngste in den Siebzigern, die Älteste über neunzig. Die erzählen, wie das in solchen Filmen üblich ist, von Kindheit und Jugend, Eltern und Liebe. Doch statt der sogenannten in Talking-Head-Filmen üblichen mittleren Einstellungen arbeiten die Regisseurinnen Martina Döcker und Crescentia Dünßer und ihre Kamerafrau auch bei ihren Interviews viel mit extremen Großaufnahmen, Close-Ups, die nur das Gesicht zeigen, das aber in allen Details.

Sechs außergewöhnliche Persönlichkeiten treten uns da entgegen. Eine Schauspielerin, eine verarmte Adlige, eine Politikerin, eine Schneiderin, eine Skilehrerin und die Keramikerin Hedwig Bollhagen sind dabei. Sechs mal Leben, gefüllt bis zum Rand mit Auf und Abs. Sorgfältig haben die Regisseurinnen ihre Auswahl komponiert. Eine Landfrau hätten sie gern noch dabeigehabt, der Ausgewogenheit halber, aber die reden so ungerne, noch dazu über sich selbst. Döcker und Dünßer nämlich haben ein spezielles Erkenntnisinteresse: Das körperliche Gedächtnis zu erforschen. Kindheitserlebnisse gehören ebenso dazu wie der erste Kuss oder Lieblingsspeisen, sie wissen schon, Proust und seine Madeleine. Die Einzelaussagen der Frauen werden dabei zu einem kollektiven Erinnerungsgewebe verflochten, ohne dass die individuellen Lebensgeschichten verlorengehen. Ein Balanceakt, der aber gelingt. Immer wieder auch, als Stopper und Verdichter eingesetzt, gibt es Stellen, wo die Regisseurinnen ihr Material zusammendampfen zu einem akustischen Mosaik aus thematisch gebündelten Kurzstatements, das die Vielstimmigkeit gesellschaftlicher Erfahrung auch sinnlich nahebringt.

Ob es aber klug ist, ausgerechnet die Nazizeit auf diese Weise abzuhandeln? Denn erst durch die Verankerung auch im politischen Raum würden die Erinnerungen der Frauen doch plastische Realität gewinnen. Und wäre die Frage nach der damaligen individuell-weiblichen Wahrnehmung Adolf Hitlers als erotisch aufgeladener Figur nicht aufschlussreicher als die allzu unverbindliche nach dem Traumprinz? Vielleicht findet sich dazu ja noch etwas in den nicht benutzten zwanzig Stunden Material.In Berlin im Kino Hackesche Höfe

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