Kultur : Mit Haut und Paaren

Das Festival „Tanz made in Berlin“ präsentiert eine neue Generation internationaler Choreografen

Sandra Luzina

Der Marathon hat begonnen. Fast die gesamte Berliner Tanzszene ist am Start. Das Festival „Tanz made in Berlin“ versammelt die Choreografen zu einer beispiellosen Kräfteanspannung. 52 Vorstellungen, darunter viele Premieren, beweisen: Der Tanz hat mächtig Auftrieb – und das Terrain wird neu besetzt. Die nächste Generation drängt nach vorn. Auf junge Tänzer in aller Welt übt die deutsche Hauptstadt momentan eine magnetische Anziehungskraft aus.

Wer die Premieren des ersten Festival-Wochenendes besucht hat, konnte sich vor allem über die intellektuelle Geschmeidigkeit wundern. Vom Derrick-Zitat über die Rainald-Goetz-Dämmerung bis zur Verbeugung vor Foucault: Heute wird der Diskurs zum Tanzen gebracht. Ein Choreograf muss zuallererst ein Konzept haben. Erkennbar ist die Lust an theoretischen Modellen. Zudem positionieren sich die jungen Choreografen wieder stärker im gesellschaftlichen Kontext. Stilistisch hat sich der Tanz immer weiter entgrenzt, bei der vorherrschendenden Individualisierung von Körperbild und Bewegungsgestaltung lässt sich kaum noch die Handschrift eines Choreografen erkennen. Denn auch die Tänzer verstehen sich als Autoren: Jeder schreibt mit an dem Tanzstück.

Eher Autor als Choreograf ist auch Martin Nachbar. Letztlich kreist bei ihm alles um die Frage: Warum tanzen? In dem Tanzkrimi „Verdeckte Ermittlung“ versucht er, sich selbst auf die Schliche zu kommen – mit kriminalistischen Methoden. So entsteht ein amüsantes Phantombild des Choreografen. Offen bleibt allerdings die Frage: Ist Tanz ein Verbrechen?

Als Two Fish ihr erstes Projekt in einer Friedrichshainer Privatwohnung zeigten, war es wie eine Offenbarung: Hier war sie, die Gruppe, die uns erzählt, wie eine junge Generation tickt. Hübsch beiläufig und mit lapidarem Witz. Der Sprung auf die große Bühne ist dem vergrößerten Ensemble leider nicht bekommen. In „Irre“ (noch bis 9. Dezember im HAU 2), haben Two Fish viel von ihrem Charme und ihrer Unbekümmertheit eingebüßt. Da sieht man glückliche Schwachsinnige, die sich an den Händen fassen, zu einer imaginären Insel aufbrechen und „Oh, das Meer!“ rufen. Während Verena, Frank und Peter sich immer weniger darauf verständigen können, was denn noch normal sei oder nicht. Falsche Fragen – falsche Bewegungen. Das macht in der Tat einen konfusen und desorientierten Eindruck.

Ist es Größenwahn oder Kalkül, ein Tanzstück mit dem Titel „Sexualität und Wahrheit“ auf die Bühne zu bringen? Wofür Foucault drei Bände braucht, das handelt Christoph Winkler in 45 Minuten ab. Doch unbestritten ist dieses Stück der Höhepunkt des dreiteiligen Abends „Triple Bill“ in den Sophiensälen. Geschlechtlichen Vereinigungen kann man hier nicht beiwohnen, dafür kann man Bettina Thiel, Erste Solistin des Staatsballetts Berlin, im Duett mit Ingo Reulecke erleben. Sie ist unglaublich geschmeidig und lasziv, eine Tigerin. Er ist mehr Luftgeist als Faun, auch wenn Nijinskys skandalös-faunische Erotik hier ins Spiel kommen soll. So schön ergänzen sich diese Zwei, die sich halb zu Boden ziehen, halb hinsinken. Acht herrliche Tänzerinnen bilden dann einen Chor der Liebespriesterinnen. Mit ihren gespannten, energiegeladenen Bewegungen erinnern sie an Amazonen, kämpferisch und sexy. Eine Frauenbewegung, die mehr von Autonomie als von Hingabe erzählt. Und den kalten Rausch zelebriert.

Christoph Winkler kann, abgesehen von seinen diskursiven Anstrengungen, schon fast als Choreograf der alten Schule gelten, geht es ihm doch vornehmlich um Bewegungsgestaltung und Komposition. Als Bewegungsphilosophin versteht sich Toula Limnaios, der Berlin eine neue Tanzbühne zu verdanken hat. Zum ersten Geburtstag öffnet sich die „Halle“, eine ehemalige Sporthalle in Prenzlauer Berg, nun für die befreundete Tanzcompagnie Rubato. Das Doppelprogramm trägt den Titel „new spaces – other moves“ (wieder vom 9. bis 12. Dezember). In „double sens“ lösen sich die festen Umrisse der Realität und der Körper auf. Was unter der Haut ist, will Limnaios sichtbar machen. Sie zeigt den Körper als durchlässige Membran, als dehnbare Hülle. Harten Stoff bieten Rubato mit „Adrenalin – isoliertes Milieu“. Eine Paarstudie wie „This is not a Lovesong“: desillusioniert-nüchtern, von brutaler Komik und dennoch tröstlich. Rauf und runter vom Sessel und von der Frau. Der Partner wird hier zum Möbel, denn strapazierfähig muss er sein und eine gute Auflagefläche bieten.

Die Berliner Tanzveranstalter Hebbel am Ufer, Halle, Tanzfabrik, Dock 11 und Sophiensäle führen ihre Offensive fort. Höhepunkt soll am 11. Dezember die lange Nacht in der Akademie der Künste werden.

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