Kultur : Mit Kopf, Herz und Kunstverstand

Ein Blick hinter die Kulissen von Deutschlands wichtigstem Auktionshaus für die Klassische Moderne – und auf Höhepunkte der kommenden Auktion

Katrin Wittneven

Kompetenz, Vertrauen und Kennerschaft – das sind die Kernbegriffe, wenn es um die Geschichte des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach geht. Vor genau zwanzig Jahren gründeten Bernd Schultz und Hans Pels-Leusden zusammen mit den Kunsthändlern Michael Neumann, Raimund Tomas und Wilfried Utermann, der bis heute dem Haus als Gesellschafter verbunden ist, das Versteigerungshaus in der Fasanenstraße. Schnell profilierte sich „die Villa“, wie sie knapp genannt wird, mit deutscher Kunst des 20. Jahrhunderts.

Profitierte das Haus anfangs noch vom weltweit steigenden Interesse an Klassischer Moderne, so festigte sich doch schnell das Vertrauen der Einlieferer, wodurch auch magere Zeiten ohne Einbrüche gemeistert werden konnten. Hierher kamen Ausnahmebilder wie Franz Marcs kleines Deckfarbenblatt „Fabeltier II“, das auf 450 000 Mark geschätzt war und 1989 unglaubliche 2,6 Millionen Mark erzielte. Unvergesslich bleibt auch Adolf von Menzels „Schafgraben“, der mit 1,2 Millionen Euro 2003 zum Weltrekord für den Künstler avancierte, und natürlich Max Beckmanns geheimnisvolle „Anni“, die 2005 mit 3,91 Millionen Euro zum teuersten Kunstwerk in einer deutschen Auktion aufstieg.

Rekorde stellte die Villa Grisebach in den letzten Jahren auch für Nachkriegskunst auf, für Keith Haring oder Kirkeby. Bernd Schultz stärkte erst zuletzt dieses Segment um neue Mitarbeiter. Dennoch blieb die Villa Grisebach im Vergleich mit anderen Häusern trotz íhres Wachstumskurses – mit mehr als 30 Millionen Euro erzielte das Haus 2005 den bisher höchsten Jahresumsatz – personell in der Dimension einer Großfamilie. Auch das mag ein Kapitel der Erfolgsgeschichte sein.

Ein anderes ist das Führungsteam selbst. 1986 war die Berliner Kunsthistorikerin Micaela Kapitzky (Jg. 1960) bei der ersten Auktion als Besucherin dabei. Bereits mit der zweiten Auktion arbeitete sie selbst mit. Seit 2000 steht sie als Mitgesellschafterin und Partnerin der Villa Grisebach Bernd Schultz zur Seite. Bernd Schultz (Jg. 1941) wiederum, der BWL, Kunstgeschichte und Germanistik studierte, stieß 1965 als Werkstudent zur Galerie Pels-Leusden und wurde 1975 Partner. Heute zählt er zu den kompetentesten und im besten Sinne politischen Kunstkennern Deutschlands. Erst jüngst engagierte er sich im Streit um das restituierte Berliner Kirchner-Bild.

Im Team haben sie es nun geschafft, sechs Jubiläumsauktionen auf die Beine zu stellen, die 1450 Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Grafiken und Fotografien vereinen – so viel wie nie in der Geschichte der „Villa“. Spitzenwerk ist Feiningers prismenartiges Gemälde „Hohe Häuser IV“ von 1919 mit einem Schätzpreis von 1,2 bis 1,5 Millionen Euro. Es gibt museale Werke von Macke, Liebermann, Henry Moore und eine eigene Auktion für Nolde-Aquarelle. Das Haus hat sich selbst übertroffen. Und das will wirklich etwas heißen.

Villa Grisebach, Fasanenstraße 25,

Vorbesichtigung bis 29. November; Mo bis Sa 10–18.30 Uhr, Mi 10–17 Uhr,

Auktionen 30. November bis 2. Dezember.

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