Kultur : Mit kühnen Konstruktionen erlangte "Vater" des Stuttgarter Fernsehturmes Weltruhm

Der Baupionier Fritz Leonhardt, der als kühner Brückenbauer und "Vater" des Stuttgarter Fernsehturmes Architekturgeschichte geschrieben hat, ist tot. Nach Angaben seiner Familie starb er am vergangenen Donnerstag in seiner Heimatstadt Stuttgart im Alter von 90 Jahren. Mit Turm- und Brücken-Konstruktionen erlangte Leonhardt Weltruhm. "Allein im Brückenbau gehen 34 Neuerungen auf mich zurück", schreibt er in seiner Autobiografie "Baumeister in einer umwälzenden Zeit" (1984). Noch keine 30 Jahre alt, entwarf und baute Leonhardt zwischen 1938 und 1941 in Köln-Rodenkirchen die damals größte Hängebrücke Europas. Wenig später folgte die erste Stahlkastenträgerbrücke in Köln-Deutz und 1954 schließlich sein Meisterwerk - der 217 Meter hohe Stuttgarter Fernsehturm, der erste dieser Bauart und Auslöser einer globalen Turmbauwelle. Nach ihrer Fertigstellung war die Stuttgarter Betonnadel mit kreisrundem Körper und glatter Außenfläche das elfthöchste Bauwerk der Welt. Zunächst in den Medien als "Schandmal" verschmäht, ist der Turm heute das Wahrzeichen der Stadt. Kühne Beton- und Stahlkonstruktionen gehören ebenso wie Entwürfe mit Schrägkabeln zu Leonhardts Repertoire. Insgesamt gehen weltweit mehrere hundert meist leichte und elegante Brücken auf Leonhardts Konto. Waghalsige Spannweiten und unzählige Höhenmeter nahm sein Büro in Angriff unter anderem beim Bau von Hochstraßen in Karachi, bei der Konstruktion der Tejo-Brücke in Lissabon, des Deutschen Expo-Pavillons in Montreal, der weltweit schlanksten Balkenbrücke für die Weltausstellung 1992 in Sevilla und eines Fernmeldeturms in Peking.

Leonhardt ging nie vollkommen auf in seinem Streben nach kühner Ingenieurstechnik. Stets war Platz für Handeln und Mitgestalten, das weit über den Berufsstand hinausging. Von 1957 bis zu seiner Emeritierung 1974 lehrte Leonhardt als Professor für Massivbau an der Stuttgarter Universität und war dort in den Jahren 1967 bis 1969 ein Rektor, der Partei ergriff für den moderaten Teil der rebellierenden Jugend. Zudem machte Leonhardt nie einen Hehl aus seiner Rüstungsantipathie: Technik sollte mit Ethik und Ästhetik verbunden werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar