• Mit Kuss- und Tränenspuren Die Staatsbibliothek zu Berlin zeigt mittelalterliche Stundenbücher

Kultur : Mit Kuss- und Tränenspuren Die Staatsbibliothek zu Berlin zeigt mittelalterliche Stundenbücher

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Das Zusammenspiel der öffentlichen Hand mit privaten Kunstsammlern und Kunsthandel ist oft von einseitigem Misstrauen geprägt. Doch besonders in Zeiten knapper Kassen kann Kooperation beide Seiten bereichern. Dies beweist die Ausstellung französischer Stundenbuchdrucke in der Staatsbibliothek, die auf Initiative des Antiquars und passionierten Sammlers Heribert Tenschert zu Stande kam. Damit werden diese Kleinodien wenigstens für kurze Zeit, über die Fachwissenschaft hinaus, auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Mit rund 150 Exemplaren ist die kostbare Kollektion Tenscherts eine der größten auf diesem Gebiet. Erstaunlich ist nicht allein, dass Tenschert sie in nur sechs Jahren zusammen getragen hat, sondern vor allem, dass es sich hier nur um „ungelesene“, also gut erhaltene Bände handelt. Die Werke lassen das Herz jedes Bibliophilen und Kunstliebhabers höher schlagen. Denn vor dem Betrachter entfaltet sich ein Mikrokosmos großartiger Geschichten, die der Tafelmalerei an Erzählfreude und Detail weit überlegen sind. Sie zeugen von spätmittelalterlicher Frömmigkeit, die vor allem die Marienverehrung und die ständige Sorge um das Seelenheil in den Mittelpunkt stellte. Den zentralen Text der Stundenbücher bildet das Offizium der Jungfrau Maria. Ihr gelten acht Gebetszyklen: drei Nokturnen, der Matutin, vor Sonnenaufgang; der Tag selbst beginnt mit den Laudes bei Sonnenaufgang und ist gefüllt mit fortgesetztem Beten im Dreistundenrhythmus. Vesper bei Sonnenuntergang und Komplet bei Einbruch der Nacht beschließen den Tageslauf.

Ob sich die Besitzer der Bücher an diesen strengen Rhythmus hielten, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Jedenfalls hatte der mittelalterliche Mensch kaum vor etwas mehr Angst, als unvorbereitet vom Tode überrascht zu werden. Denn dann drohten Fegefeuerqualen oder gar ewige Verdammnis. Ständige Bußübungen mit Hilfe der Bußpsalmen sollten zur Vermeidung dienen. Eine beliebte Illustration von Bußpsalmen war der Ehebruch König Davids mit Bathseba, der mit der Berufung von Bathsebas Sohn Salomon zu seinem Nachfolger gebüßt wurde. Verschiedene Interpretationen dieses Themas, einige mit unverhohlen erotischen Zügen, schmücken zahlreiche ausgestellte Bücher.

Das Marien-Offizium ist vorwiegend illustriert mit der Kindheit Jesu, oft von phantastischer Renaissancearchitektur eingefasst. Darstellungen der Heiligen Drei Könige entlehnen ihre Komposition und Motivschatz gerne der „modernen“ Druckgraphik Albrecht Dürers. Das Toten-Offizium zählte nicht zu den täglichen Frömmigkeitsübungen, sondern erinnerte an Verstorbene. Im Bilde der „Wiedererweckung des Lazarus“ suchte der Betende Hoffnung für die eigene Auferstehung. An den Preis für diese Hoffnung erinnerte das Thema „Die drei Lebenden und die drei Toten“, worin die Toten eindrücklich von den Qualen des Fegefeuers berichten und zu strenger Tugendhaftigkeit ermahnen.

Der Druck machts möglich

Diesen tiefen Einblick in vorlutherische Frömmigkeit verdanken wir dem Stundenbuchdruck, der mit Gründung einer Universitätsdruckerei an der Sorbonne 1470 seine Blütezeit erlebte. Die Kombination von Malerei mit modernen Reproduktionstechniken - Holzschnitt und Metallschnitt - löste die Einzelproduktion der Buchmalerei ab und ermöglichte eine rasche Verbreitung von Bildern auf kleinstem Format. Die Auflagen waren aus heutiger Sicht minimal. Doch diese oft noch individualisierten Bücher zeugen von praktizierter mittelalterlicher Laienfrömmigkeit, von privaten Andachten von Männern und Frauen, von deren Emotionen uns heute noch Kuss- und Tränenspuren auf Bänden erzählen. Ulrike Nürnberger

Bis 3. August im Vestibül der Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Unter den Linden 8, Mo-Fr 9.00-21.00 Uhr, Sa 9.00-17.00 Uhr, sonn- u. feiertags geschlossen; Eintritt frei

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