Kultur : Mit Licht arbeiten

Die Galerie Barbara Wien zeigt Zeichnungen von Ernst Caramelle

Ulrich Clewing

Künstlerzeichnungen sind ein mehrdeutiges Genre. Meistens dienen sie der Vorbereitung eines anderen, „größeren“ Werkes, wobei für manchen Liebhaber gerade der skizzenhafte Duktus dieser Studien eine besondere Qualität darstellt. Andere Zeichnungen stehen ganz für sich allein. Zu ihnen gehören die zwei Dutzend Zeichnungen von Ernst Caramelle in der Galerie Barbara Wien. Für den 1952 in Hall in Tirol geborenen, heute in Frankfurt, Karlsruhe und New York lebenden Maler sind sie, so schrieb Caramelle bereits 1990 in einem seiner Kataloge, „ein ganz spezifischer Bereich“ und „fast auch der wichtigste Teil der Arbeit“.

Für die Surrealisten aus dem Zirkel um André Breton waren Intuition und Zufall jene Momente, in denen sich die höchste Kreativität offenbart. Bei Caramelle scheint das ähnlich zu sein. Seine kleinformatigen, manchmal sogar winzigen Notate auf halb ausgerissenen Zeitungsartikeln, seine Strichmännchen, Ornamente und Farbkleckse sind offenkundig aus dem Augenblick entstanden und wurden dann in einer Kette von Assoziationen vollendet. Der Betrachter erkennt Köpfe, Häuser, Miniaturlandschaften, die ihm allerdings im nächsten Moment schon wieder entgleiten, denn sie könnten in ihrer poetischen Beiläufigkeit genauso gut auch alles andere sein.

Am deutlichsten wird das konstituierende Zufällige in den so genannten „Lichtarbeiten“, von denen sich auch ein Exemplar in der Ausstellung befindet. Diese wortwörtlich vom Licht „erarbeiteten“ Werke bestehen aus einfachen Seiten farbigen Papiers, die Caramelle über Monate hinweg der Sonne aussetzt, wobei manche Stellen einmal länger, andere einmal kürzer zugedeckt bleiben. So bleichen die Blätter in unterschiedlicher Stärke aus, und herauskommen schöne, kleine Werke, die entfernt an konstruktivistische Gemälde erinnern. Der eigenständige Charakter dieser Zeichnungen hat freilich auch seinen Preis. Barbara Wien bietet die Arbeiten in vier Blöcken an. Den Obolus, den der Kunstfreund dafür zu entrichten hat, darf man getrost saftig nennen. Einzelpreise zwischen 2000 und 20 000 Euro addieren sich da schnell zu erheblichen Summen – was den Kreis der möglichen Interessenten doch leider ziemlich schrumpfen lässt.

Galerie Barbara Wien, Linienstraße 158, bis

16. November; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr.

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