Kultur : Mit List

Haitink und Capuçon bei den Berliner Philharmonikern

Frederik Hanssen

Ein Abend der gigantischen Gegensätze: hier Johannes Brahms und Anton Webern, die grandiosen Partiturkonstrukteure, dort Erich Wolfgang Korngold, Wiener Jahrhundertwende-Wunderkind und von den Zeitläuften nach Hollywood vertrieben, der sein Violinkonzert aus eigenen Filmmusiken montiert. Hier Bernard Haitink, seit 1964 gern gesehener Gast bei den Berliner Philharmonikern, ein Meister feingeistiger musikalischer Dramaturgie, dort Renaud Capuçon, 26-jähriger Violin-Shootingstar, dem das Temperament aus den Augen blitzt.

Für Capuçon ist es die ganz große Chance: Weil Gil Shaham abgesagt hat, darf der Franzose jetzt selber zu den Philharmonikern treten. Natürlich ist er nervös. Möglichst schnell scheint er die virtuosen Passagen hinter sich bringen zu wollen, tendiert zum Hetzen. Wo die Melodielinie aber weit ausschwingt, wo er mit seiner 1721er Stradivari zum Sänger werden kann, fühlt er sich wohl, lässt er den Ton aufblühen. Renaud Capuçon, möchte man meinen, gehört zu jenem Typ Menschen, die beim Fremdsprachenlernen wenig Lust haben, die Grammatik mit allen ihren Raffinessen durchzudeklinieren, sondern sich lieber sofort unterhalten. Wer so viel mitreißenden Charme und so eine natürliche Begeisterungsfähigkeit besitzt wie Renaud Capuçon, für den ist das genau der richtige Weg. Bernard Haitink freilich wählt die andere Straße: Wenn er den Taktstock hebt, kann man sich darauf verlassen, vollendet durchgeformte Musik zu erleben. Bei ihm führt stets die Strukturanalyse zum Klangergebnis. In jedem Augenblick behält er den Überblick über das Ganze, gibt der Musik einen inneren Puls, der vorwärts drängt. Mit Weberns Passacaglia muss Haitink an diesem Abend noch gegen die Unruhe in der ausverkauften Philharmonie ankämpfen, bei Brahms erster Sinfonie aber ist die Konzentration hergestellt. Und die Philharmoniker werden unter seiner klaren, schnörkellosen Gestik zu einem echten Klang-Körper, einem Organismus, in dem sich alle Teile aufeinander beziehen. Jeder verfolgt hier, was der andere tut, ob er gerade zu spielen hat oder nicht. In dieser Atmosphäre kunstvollster Harmonie wird eine interpretatorische Intensität möglich, für die es nur ein Wort gibt: sensationell. Frederik Hanssen

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