Kultur : Mit Lust und Liste

Der „Spiegel“ hat sie seit Jahren, der „Focus“ auch, die vom SWR gilt als anspruchsvoll – und alle lesen sie: die Bestsellerliste für Literatur

Oliver Fink

Zur Orientierung in den unendlichen Weiten des Büchermeeres haben sich Leser seit jeher auf Listen verlassen – die verbotenen Bücher fand man auf dem Index, die vorbildlichen im Kanon. Doch hat es Jahrhunderte gedauert, ehe in den Zeiten des freien Markts eine dritte Form der Buchführung das Licht der Welt erblickte, die Schluss machte mit der Willkür- und Alleinherrschaft pädagogischer Instanzen und dem demokratischen Prinzip – endlich – zum Durchbruch verhalf. Amerika sei Dank.

1895 war es die Zeitschrift „The Bookman“, die erstmals eine monatliche Aufstellung über die meist verkauften belletristischen Bücher präsentierte, „Publisher Weekly“ nahm ab 1913 auch die Sachbücher mit ins Boot, wöchentlich versorgt die „New York Times“ seit den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ihre Leser mit den aktuellen Verkaufsdaten. In Deutschland dauerte es allerdings noch ein bisschen, ehe auch hier das Buch als statistische Größe und Ware entsprechend gewürdigt wurde. Das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ wartete im Oktober 1961 mit einer ersten Bestsellerliste auf: zehn Titel Belletristik, genauso viele Sachbücher. Inzwischen fällt es schwer, den Überblick zu behalten: der „Focus“ steht ganz in der Zweisparten-Tradition des „Spiegel“, „Gong“ listet Taschenbücher auf, „Geo“ die meist verkauften Bildbände – auch Hörbücher haben selbstverständlich eigene Rankings und Foren.

Nun wissen wir also endlich, was die Deutschen wirklich lesen, zumindest: welche Bücher sie kaufen. Doch Vorsicht, ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Von Anfang an standen die Bestsellerlisten im Kreuzfeuer der Kritik. Die Vorwürfe reichen von Ungenauigkeit bis hin zu Manipulation. Heinrich Böll, Luise Rinser, Uwe Johnson, Ingeborg Bachmann. So lauten die Namen der vier Erstplatzierten in der „Spiegel“-Liste von 1961, Rubrik: Belletristik. Rund ein Vierteljahrhundert später finden wir an gleicher Stelle: Benoite Groult, Johannes Mario Simmel, Ken Follet und Brösel mit „Werner, beinhart!“. Ein fundamentaler Wandel des Leseverhaltens? Wohl kaum. Eher ein Zeichen für die Verfeinerung statistischer Messmethoden und vielleicht auch Zeichen für ein verändertes Bewusstsein.

Der Sortimenter geht durchs Lager

Denn im Kleingedruckten der ersten Bestsellerliste, die seinerzeit durch das Allensbacher Institut für Demoskopie durchgeführt worden war, liest man ein wenig überrascht, dass bei der damaligen „Repräsentativ-Umfrage“ lediglich Buchhandlungen aus „westdeutschen Großstädten und Universitätsstädten“ zum Zuge kamen. Ob man wirklich glaubte, dort dem Massenlesepublikum auf die Spur zu kommen? Oder wollte man vielleicht doch den Schein wahren, die Empfehlungen der Literaturkritik bestimmten auch das Verkaufsszenario?

Die beiden großen Datenermittler in Deutschland – „buchreport“ (seit 1971 für den „Spiegel“ zuständig) und „media control“ (seit 1993 für den „Focus“ tätig) – brüsten sich beide damit, dass ihr jeweiliges Panel an ausgewählten Buchhandlungen (inklusive e-commerce) mittlerweile den realen Verhältnissen stark entspreche und den Sortimentsbuchhandel ziemlich genau abbilde. Selbst gegen ungewöhnliche Ereignisse – Stromausfall! – ist man gefeit. Denn es stehen mehr Datensätze zur Verfügung als benötigt. Sollte eine Buchhandlung also aus irgendeinem Grund ausfallen, so wird nach einem automatisch ablaufenden Programm aus der Reserve eine andere Buchhandlung ausgewählt, die genau den Gewichtungskriterien entspricht. Ein großer Fortschritt auch, dass die Ergebnisse nicht mehr über handschriftlich ausgefüllte Formulare eintrudeln, sondern man nun einen direkten Draht zur Kasse hat. Die angeschlossenen Buchhandlungen verfügen schließlich über ein so genanntes Warenwirtschaftssystem, das eine artikelgenaue Erfassung erlaubt. Insbesondere dadurch soll möglicher Manipulation vorgebeugt werden, von der so mancher erfahrene Buchhändler noch zu berichten weiß: „Der Sortimenter ging dann durchs Lager, schaute sich die größten Stapel an und setzte die entsprechenden Titel auf die vorderen Plätze der Bestsellerliste, damit der Haufen endlich wegging.“

Das Problem der Selektion ist allerdings in anderer Hinsicht geblieben. Denn wer bestimmt eigentlich, was Belletristik ist und was ein Sachbuch? Zu den meist verkauften Büchern in Deutschland gehört nach wie vor das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) – nur: hat es jemand schon einmal auf der Bestsellerliste entdeckt? Immerhin, beim „Focus“ finden sich momentan zwei Wörterbücher (Duden und Wahrig) in der Kategorie Sachbuch auf der Liste. Aber was ist eigentlich mit Kochbüchern und Ratgebern? „Eigenschöpferische Leistung“ heißt die Zugangsvoraussetzung bei „buchreport“. Und die will man, etwa im kulinarischen Bereich, nur ausgewählten Kochmützen zugestehen. Alfred Biolek? Selbstverständlich.

Generell verlässt man sich, was die Einteilung in Kategorien angeht, auf die Angaben des Verlags oder der Barsortimenter wie KNO, so Uwe Maisch von „media control“. Beim „Spiegel“ wird auch schon mal in Absprache mit der Redaktion entschieden. Was offenbar nicht immer ganz einfach ist. So erscheint auf der aktuellen „Spiegel“-Liste Uwe Timms „Am Beispiel meines Bruders“ in der Abteilung Sachbuch, während die Feuilletons der autobiographischen Spurensuche des Schriftstellers gerade auch als literarischem Text zu Leibe rücken. Doch so richtig Ärger gibt es eigentlich immer nur mit den Kinderbüchern. Momentan richtet sich der Neid vor allem auf Joanne K. Rowling, die seit Jahren mit ihrem Zauberlehrling Harry Potter die Listen beherrscht – streckenweise sogar mit mehreren Titeln gleichzeitig – und in diesem Jahr prompt für ein Novum sorgte. Denn erstmals befindet sich seit Juni dieses Jahres ein englischsprachiger Titel auf deutschen Bestsellerlisten: „Harry Potter and the order of the Phoenix“. Und der wird dort wohl erst wieder verschwinden, wenn die deutsche Übersetzung dieses Bandes am 8. November den Buchhändlern aus den Händen gerissen wird.

„Harry Potter“ ist für viele deshalb ein Reizthema, da es natürlich auch andere erfolgreiche Kinderbücher gibt, die aber nicht in den Genuss kommen, für die allgemeinen Belletristik-Charts nominiert zu werden. Cornelia Funke, eine der erfolgreichsten Autorinnen in diesem Genre, ist so ein Fall. „Tintenherz“, ihr im letzten Monat erschienenes Buch, wurde zugleich in Deutschland, Großbritannien, in den USA, Kanada und Australien auf den Markt geworfen, ihr Venedig-Roman „Herr der Diebe“ (2000) schmückte wochenlang die Bestsellerliste der „New York Times“ (freilich in der passenden Kategorie „Children’s Books“). Dennoch muss sich eine Autorin wie Funke nicht über mangelnde Aufmerksamkeit auch hierzulande beklagen, selbst der „Spiegel“, der ihre Bücher eben nicht in seinen Listen führt, widmete ihr und ihrer Erfolgsgeschichte ein ausführliches Porträt.

Ranking-Fieber

„Die Redaktion hat ihre eigene Berichterstattung über Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt stets unabhängig von dieser Liste gestaltet“, versichert denn auch Volker Hage, Literaturredakteur beim Hamburger Nachrichtenmagazin. Die Listen hält er aber generell schon für eine wichtige „Informationsquelle“. Anderen ist dieser Begriff allerdings fast schon zu harmlos. Denn natürlich ist gerade die „Spiegel“-Liste längst nicht nur ein simpler Gradmesser, der misst, welche Bücher sich gerade am besten verkaufen, sondern ebenso ein hervorragendes Marketinginstrument mit erheblichem Einfluss – viele Kunden fragen ganz gezielt nach Titeln von der Bestsellerliste. Schließlich ist nichts erfolgreicher als das, was bereits Erfolg hat.

Doch findet man nicht in allen Geschäften die Liste aus Hamburg, manch Buchhändler mit exklusiverem Publikum hängt stattdessen die „Bestenliste“ des Südwestrundfunks (Baden Baden) ins Fenster, die dem weit verbreiteten Ranking-Fieber zwar ebenso Tribut zollt, aber eben nicht auf die Auflage schielt: 33 Literaturkritikerinnen und Literaturkritiker nennen monatlich in freier Auswahl vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie „möglichst viele Leser und Leserinnen“ wünschen und informieren zusätzlich darüber, ob es sich bei dem Buch um „(vermutlich) leichtere, mittelschwere oder schwierigere Lektüre“ handelt. Eine „Qualitätsliste“ also, ein „Gegengewicht“ zur herkömmlichen Bestsellerliste, wie Frank Hertweck, der dafür verantwortliche Redakteur beim SWR, erläutert.

Ins Leben gerufen wurde sie 1975 von Jürgen Lodemann, dem damaligen Literaturredakteur des Senders. „Den Umsatz-Hyänen eine Expertenliste entgegenstellen“, formuliert er in einem Aufsatz aus dem Jahr 1981 mit kämpferischen Worten sein Ziel: man müsse etwas tun „gegen die geballte Vertriebsmacht der Seller-Fabriken“, und zwar in „einer gemeinsamen Opposition“. Lodemann entpuppt sich als engagierter Gerechtigkeitsfanatiker, der den „Außenseitern“ eine Chance geben und den „wichtigen Büchern“ einen Weg zum Leser ebnen möchte. Der Titel „Bestenliste“ ist dann aber doch eher ironisch gemeint, eben als „Gegenvokabel“ zur Bestsellerliste. Das eigene Tun beschreibt er als ein „ernstes Spiel, eine Bücher-Bundesliga, die rechnerische Quersumme durch die in einem bestimmten Moment getroffenen Entscheidungen von 33 literarisch beflissenen Subjekten“. Es ist die Arbeit am Kanon, die da durchschimmert. Bestseller erscheinen lediglich als Nebelwerfer und Irrläufer, die den Blick auf das Wahre, Schöne und Gute trüben. Dass künstlerische Bedeutung und kommerzieller Erfolg sich ausschließen, gilt in manchen Kreisen noch immer als ausgemacht. Doch hat sich auch im Bereich der schönen Literatur einiges verändert. Man denke nur an die beispiellosen Erfolge, die seit den achtziger Jahren auch literarisch anspruchsvolle Werke an der Buchmarktbörse erringen konnten: Umberto Eco etwa oder Patrick Süskind, deren Werke – im Zeichen der Postmoderne – sowohl bei einer kulturellen Elite für reine Entzifferungsfreude sorgten wie auch dem Durchschnittsleser eine spannende Lektüre boten.

Parallel dazu hatte auch die Literaturkritik das Unterhaltungsgenre entdeckt und sich in Quartettbesetzung einem Massenfernsehpublikum gestellt. Und was tatsächlich im Printmedium nicht so ganz gelang, nämlich die Verkaufskurse angepriesener Bücher in die Höhe zu treiben, klappte nun im Medium Glotze – mindestens 15 000 zusätzlich verkaufte Exemplare durfte eine Empfehlung erwarten und immerhin noch rund 5000 Exemplare ein Verriss. Und, oh Wunder, es lag gar nicht ausschließlich am unverwechselbaren Sound des Sologeigers MRR – „unserem Lautesten“ (Henscheid) –, wie sich jetzt herausstellt.

Nach dem Ende des Literarischen Quartetts Ende 2001 präsentierte das ZDF in diesem Jahr ein neues Format und mit ihm eine ähnlich begabte Primadonna namens Elke Heidenreich. Und sie schaffte nicht nur den Quotensprung (weitaus mehr Zuschauer, als das Literarische Quartett je hatte), ihre „Kaufbefehle“ wurden noch dazu ohne Verzögerung umgesetzt: Alle drei in der ersten Sendung im April vorgestellten Bücher schafften am darauf folgenden Montag den Sprung in die „Spiegel“-Bestsellerliste, hielten sich und knackten die magische Marke von 50 000 verkauften Exemplaren. Die Nachfolgesendungen knüpften daran an. Wahnsinn!

Expansion der Gutenberg-Galaxis

Die manchmal verbissen geführten Diskussionen über Sinn und Zweck solcher und solcher Listen werden bleiben. Ihre Daseinsberechtigung – der Index sei hier freilich ausgeschlossen – haben sie alle. Denn die Unübersichtlichkeit ist mit der fortschreitenden Expansion der Gutenberg-Galaxis nicht geringer geworden, die Vielfalt geblieben. Das verdeutlicht im übrigen auch eine für viele vielleicht überraschende Erhebung: Der Anteil am Gesamtumsatz der zehn meist verkauften Titel, die man auf den Bestsellerlisten findet, betrug im Jahr 2002 gerade mal 2,15%. Das hat dann doch etwas Beruhigendes.

Lassen wir uns also von Listen wie denen des SWR literaturkritisch anregen und bestaunen wir die Spitzenreiter der Bestsellerliste als „Zeichen eines geglückten soziologischen Experiments“, das nach Siegfried Kracauer jeden Bucherfolg auszeichnet. Dass diese Verkaufs-Charts darüber hinaus von manchen Lesern ebenfalls als Navigationshilfen in der Bücherflut genutzt werden, kann wohl nur hartgesottenen Kulturkritikern Bauchschmerzen bereiten.

Letztlich verhält es sich mit Bestsellerlisten doch wie mit allen Statistiken, über deren Wesen der Bankier Josef Abs einmal gesagt hat: „Die Statistik ist wie eine Laterne im Hafen. Dem betrunkenen Seemann dient sie allerdings mehr zum Halt als zur Erleuchtung.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben