Kultur : Mit Lydia unterm Männerhaus

Günter Rosarios Interesse an der Südsee war rein beruflich. Aber dann … Die fünfte Geschichte — von einer sehr speziellen Verabredung

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Während Kyra, die Rumänin aus New York, von den Anrufen des Unbekannten erzählte, hatte der Mann ihr gegenüber begonnen, einen Umschlag aus seinem Jackett zu ziehen. Er war groß und rot, genau wie der, den der unbekannte Anrufer Kyra im Museum übergeben wollte. „Hier“, sagte Günter Rosario und reichte ihn herüber. Kyra nahm den Umschlag ebenso gierig wie ängstlich, öffnete ihn aber nicht. „Den habe ich vorhin, bevor die Lichter ausgingen, neben einer UliFigur gefunden“, fuhr Rosario fort. „Ich habe ihn mitgenommen, weil ich glaubte, er sei für mich bestimmt – wissen Sie, ich hatte hier in der Südsee-Abteilung eine sehr spezielle Verabredung.“ Professor Bernstein murmelte etwas Unverständliches. Jürgen Schulze sagte gar nichts, denn Jonas war in seinen Armen eingeschlafen, und er wollte ihn nicht wecken. Aber Ida Meier sprach aus, was alle dachten: „Hör’n Sie mal“, sagte sie, an Günter Rosario gewandt. „Was für ’ne spezielle Verabredung soll das denn gewesen sein?“ D.N.

„Ich muss Ihnen ein Geständnis machen: Der einzige Grund, aus dem ich hier bin, ist es, meine Geliebte zu treffen“, antwortete Günter Rosario. „Ich bin ein wenig zu früh erschienen und eine Weile ziellos durch die Gänge geschlendert, als das Licht ausging und die Türen ins Schloss fielen. Was kann ich tun? Ich befürchte, mir bleibt nichts anderes übrig, als mich mit der Lage abzufinden und zu warten, bis man uns irgendwie retten wird.

Es drängt mich aber, Ihnen hier, vor dem strohgedeckten Haus der Männer und im Schutz der durch die Dunkelheit gewährleisteten Anonymität, eine Geschichte zu erzählen. Die Gelegenheit ist günstig und die unerfüllte Sehnsucht, meine Geliebte zu sehen, verführt mich dazu, diese – ihr Name ist Lydia – mit Worten gleichsam auferstehen zu lassen. Es wird also sowohl eine Beichte als auch eine Beschwörung sein, wenn ich Ihnen erzähle, wie wir uns zum ersten Mal begegnet sind: nirgendwo anders als hier nämlich, in dem mit rätselhaften Gottheiten voll gestellten Südseesaal des Ethnologischen Museums.

Als ich das erste Mal hier war, in Begleitung meiner Frau Barbara, hatte ich durchaus wenig Verständnis für die reich ornamentierten Ton- und Holzexponate. Als Pharmakologe war mein Interesse an der Südsee zunächst beruflich. Bestimmte rituelle Bräuche dort, wie zum Beispiel das Kava-Kauen in Polynesien, setzen äußerst effektive Pflanzenwirkstoffe frei, die noch keineswegs vollständig erforscht sind. Ebenso weitgehend unbekannt ist die Frucht der Morinda citrifolia, des indischen Maulbeerbaums, die von den Kahuna-Schamanen auf Hawaii bereits seit Jahrhunderten als Heilmittel eingesetzt wird und zudem in der indischen Ayurveda-Lehre seit mehr als 2000 Jahren als Aphrodisiakum gilt.

Gerade in Liebesdingen gäbe es in Ozeanien für unsere Zivilisation eine Menge zu lernen, doch unglücklicherweise sind die raffinierten erotischen Rituale der Südseeinsulaner in den vergangenen Jahrhunderten größtenteils unserem wohlmeinenden christlichen Bekehrungseifer zum Opfer gefallen. Der polnische Anthropologe und Missionar Bronislaw Malinowski beispielsweise hat versucht, unter den Eingeborenen eine bestimmte Fortpflanzungsposition populär zu machen, deren Benennung bis heute auf ihn, beziehungsweise seinen Berufsstand zurückgeht.

Vielleicht sollten wir aber seine frommen Überzeugungen nicht voreilig belächeln, denn das verlockende Paradies der freien Liebe hat durchaus seine Tücken, wie ich hinzufügen muss. Meine Frau reagierte nämlich bei jenem ersten Besuch hier mit großem Unverständnis und deutlichem Widerwillen auf den Reichtum an sexuellen Anspielungen bei den Exponaten. Die Uli-Figuren aus Neu-Irland beispielsweise – Hermaphroditen mit kugelförmigen Brüsten und maiskolbengroßen Schwänzen – hat sie nur mit äußerster Abscheu zur Kenntnis genommen. Ich allerdings geriet sehr schnell in den Bann dieser uns so fremden Kultur. Barbara spürte es.

„Wie kannst du von dieser primitiven Zivilisation nur so fasziniert sein?“, warf sie mir vor. „Liebling, es ist rein beruflich“, wehrte ich mich schwach. „Was für ein Segen, dass wir diesen inferioren Zeiten niederer Geilheit entronnen sind!“, rief sie aus. „Gewiss“, nickte ich pflichtschuldig und staunte über die spagatweit gespreizten Beine der Frauenfigur auf dem gehörnten Giebel über dem Eingang zum Haus der Männer.

Die herausgestreckte Zunge und die üppigen Pyramidenbrüste einer fetten Fruchtbarkeitsgöttin aus Tonga brachten das Empörungsfass meiner Frau schließlich zum Überlaufen, und sie erklärte kategorisch, dass es ihr nun reiche! Sie werde im Café auf mich warten.

Ein wenig überrumpelt blieb ich zurück und bemerkte erst nach einer Weile, dass eine mir unbekannte Besucherin der Ausstellung – Lydia, meine jetzige Geliebte – neben mir stehen geblieben war. Fasziniert starrten wir gemeinsam auf eine aus dem Dunkel einer geöffneten Ebenholz-Bananenschale (Blütenkelch- bzw. Vaginalsymbol, wie Barbara gewiss pikiert festgestellt hätte) herauswachsende Maorifratze. Ohne uns darüber zu verständigen, und einem rätselhaften Einklang unserer Neugierden folgend, gingen wir weiter und blieben vor einer der sowohl Gott-Vater als auch einen Ur-Phallus symbolisierenden Tiki-Figuren stehen. Ihre großen Augen waren halb geschlossen, Arme und Beine zusammengezogen, die Zunge stieß aus dem Mund hervor und der Bauch war aufgequollen. Wir erschauderten.

Ich ergriff Lydias Hand, und wir schlenderten an Vitrinen mit Haushaltsgegenständen und Waffen entlang: halb kugelförmige Schalen und wulstige Speere – Technik, geschaffen nach dem Ebenbild des Menschen. Der Anblick eines aus einem Tierknochen gefertigten Schweins, (jener auf West-Neuguinea heiligen Kreatur, die für die dort lebenden jail sowohl das Gewölbe des Kosmos als auch die Gebärmutter symbolisiert), erregte uns schließlich so sehr, dass wir unser Verlangen nicht länger zu zügeln vermochten und uns nach einem geeigneten Platz umsahen, diesem nachzukommen.

Obwohl die öffentliche Darstellung sexueller Handlungen (beispielsweise durch die Mitglieder des Ariba-Ordens auf Tahiti, die von Insel zu Insel reisten und das Publikum mit erotischen Aufführungen unterhielten) durchaus Teil der polynesischen Kultur ist, war unser abendländisches Bedürfnis nach Abgeschlossenheit doch stärker. Wir dachten zunächst daran, uns in einen Einbaum zu legen oder es hinter einer der Stellwände in der Foto-Abteilung zu wagen. Wir suchten – im wahrsten Sinne des Wortes – fieberhaft nach einer geschützten Stelle, doch erschien es uns ganz und gar unpassend, den Saal zu verlassen und uns in irgendeine sterile Museumsecke sonst wohin zu verkriechen. Unser Verlangen war hier entzündet worden – hier mussten wir es auch stillen!

Schließlich robbten wir in einem unbeobachteten Moment unter das Haus der Männer, das auf etwa dreißig oder vierzig Zentimeter hohen Stelzen steht. Wohl war unter diesen Umständen nicht mehr als die von Bronislaw Malinowski empfohlene, etwas fade und minimalistische Position der Lustgewinnung zu verwirklichen, doch diese genügte uns – erhitzt wie wir waren – in jenen wunderbaren Augenblicken vollkommen.

Den süßen Nachgeschmack der körperlichen Liebe noch angenehm in den Gliedern, trat ich schließlich Barbara gegenüber, die im Café saß und missmutig in den trüben, wenig pazifischen Herbsttag hinaussah. Beschwingt und ganz und gar bereit, ihr die schlechte Laune zu vergeben, ließ ich mich nieder.

„Ist dir eigentlich klar, dass ich bereits seit einer Stunde hier sitze!“, schimpfte sie. „Welches Exponat ist es wert, sich derart ausgiebig mit ihm zu beschäftigen?!“

„Man muss offen sein für die Magie fremder Kulturen“, schwärmte ich.

„Ich will davon nichts mehr hören – lass uns gehen!“, sagte sie mit der ihr eigenen Entschiedenheit, und ich fügte mich ihrem verordnungsliebenden Willen, wie ich es meistens tue.

Vielleicht, so denke ich jetzt, sollte ich sie einmal darauf aufmerksam machen, dass die Minangkabau auf Sumatra mit ihrem Adat, ihrem matriarchalen Stammesgesetz, die älteste auf weibliche Dominanz gegründete Sozialordnung der Welt haben. Und beim ur-malaiischen Stamm der Dayak auf Borneo, sind die Frauen die unumschränkten Herrinnen und übernehmen nicht selten die militärische Verteidigung selbst. Bis heute ist ihr Matriarchat lebendig, wenn auch bedroht von unserer armseligen patriarchalischen abendländischen Darwinismus-Zivilisation. Armes Ozeanien … Aber ich befürchte, Barbara wird es nicht verstehen, wenn ich darlege, dass ich mit allem, was ich tue und fühle, im Grunde ganz und gar auf ihrer Seite stehe.“

Diese Geschichte wird heute um 10 Uhr 45 in der „Leseprobe“ (Kulturradio des rbb) gesendet. Die nächste Geschichte von Anja Tuckermann wird am Freitag veröffentlicht und gesendet.

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