Kultur : Mit Madonna im Maisfeld

Jahrelang hatte die Popdiva für jede Lebensphase unserer Autorin einen Song parat – bis sie plötzlich furchtbar nervte. Ein rosaroter Blick zurück.

Esther Kogelboom

Sonja duftete süß, es war eine schwere Mischung aus Loulou von Cacharel und Drei-Wetter-Taft. Sie trug Walkman-Kopfhörer, die so groß waren wie Ohrenschützer, ihre 85 D wogten hinter einem quer gestreiften T-Shirt mit Fledermausärmeln. Auf dem Land war Sonja natürlich eine Rakete. Die Landjugend steckte in braven Sweatshirts und Kniestrümpfen, die am Bein juckende Abdrücke hinterließen.

Eigentlich war Sonja deutlich zu erwachsen für die Stadtranderholung. Sie kurvte mit einem geliehenen Mofa zwischen Baggersee, Marktplatz und Freibad herum. Und sie glaubte uns kein Wort, auch nicht, dass man eine gewischt bekommt, wenn man den Weidezaun berührt. Nein, Sonja warf sich absichtlich gegen die Drähte und schien den Stromschlag sogar zu genießen. Vielleicht standen deswegen ihre gebleichten Locken so seltsam ab. Wir waren elf Jahre alt in diesem Sommer, und Sonja muss unerhörte 14 gewesen sein.

Es war Sonjas Walkman, über den ich zum ersten Mal in Kontakt mit Madonna kam. Sonja setzte mir die Ohrenschützer mit einem mitleidigen Lächeln auf, und Madonna sang mir Material Girl direkt in die Ohren, und von den Ohren schien die Musik mit der Blutbahn in den ganzen Körper zu geraten. Diese Musik war so ganz anders als die Motown-, Abba- und Simon-and-Garfunkel-Platten meiner Eltern, sie war irgendwie brisant und verboten gut, so wie Sonja. Und der Walkman verhielt sich zur Stereoanlage im Wohnzimmer wie ein Schluck süßer Sekt zu einem Glas lauwarmer Trinkschokolade. Mit einem Walkman also konnte man sich von der Welt abkapseln, in seinem eigenen kleinen Raumschiff durch die Welt fliegen. Ein mit Madonna aufgeladener Walkman hatte die Macht, einen aus dem normalen Leben herauszureißen.

Eines Tages nahm Sonja mich mit ins Maisfeld. Das war doppelt verboten, denn erstens war es der Sommer nach Tschernobyl, der Sommer also, in dem meine Oma das Obst am Baum ließ und die Salatköpfe vom Feld gleich auf den Kompost trug, und zweitens, so hieß es auf dem Dorf, würden sich im Maisfeld Sittenstrolche verstecken. Wir rauchten und blätterten in der „Bravo“. Dort stand eine Geschichte über Madonna. Sie riet allen Mädchen davon ab, sich die Haare weißblond zu färben. Ich glaube, sie sagte sogar etwas wie: „An alle Girls! Tut’s nicht! Ihr werdet sehen, eines Morgens wacht ihr auf, und euer Kopfkissen ist voller Haare.“ Die gebleichte Sonja gab sich ernsthaft betroffen und erzählte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit von den Haarbüscheln, die auch sie bereits auf ihrem Kissen gefunden hatte. Wir spekulierten darüber, ob das nun von der Wasserstoffperoxidbelastung kam oder von den radioaktiven Strahlen.

Madonna stand ihre Haarfarbe sehr gut, jedenfalls auf dem Poster, das Sonja mir in unserem Versteck übergab. Es war wahrscheinlich das einzige Maisfeld der Welt, das mit Loulou kontaminiert war.

Ich klebte das Poster mit Tesafilm an die Holzwand in meinem Kinderzimmer und studierte es auch dann noch abends vor dem Einschlafen und morgens nach dem Aufwachen, als Sonja längst wieder zurück in Duisburg und der Mais geerntet war. Madonna hatte auf dem Bild ein Mieder an, darüber hing eine Lederjacke in Fetzen, sie hielt ein Mikrofon in der mit einem schwarzen Spitzenhandschuh verhüllten Hand – das Foto war bei einem Konzert gemacht worden. Ich mochte die schmale Lücke zwischen ihren oberen Schneidezähnen, und ich mochte ihre heftig geschminkten Katzenaugen. Bei dem Versuch, die Ohrringe in Madonnas Ohren zu zählen, scheiterte ich kläglich. Die Druckqualität des Posters war ziemlich schlecht, die Ohren waren unscharf, und die Ohrringe lösten sich in vielen kleinen Pixelkörnern auf.

Was ich brauchte, waren Ohrringe, diese großen, goldenen Kreolen. Aus einem Modeschmuckgeschäft besorgte ich welche aus falschem Gold. Ich steckte sie ein und lief damit in die Schule, zum Gitarrenunterricht, zu Oma und in die Kirche. Was ich lernte: Mit großen, goldenen Creolen macht man ein gewagtes modisches Statement, besonders, wenn man erst elf Jahre alt ist. Der Pastor sagte mit tadelndem Unterton: „Die sind so groß, da können Löwen durchspringen.“ Während die anderen „Großer Gott, wir loben dich“ leierten, summte ich heimlich Like a Virgin – im Messdienergewand und ohne zu verstehen, worum es in dem Lied wirklich ging.

Ich schrieb einen Brief, in dem ich Sonja voller Stolz von den Kreolen berichtete. Sie antwortete nicht. Ich schickte noch eine Postkarte, dann noch eine. Sonja war bestimmt aus Duisburg weggezogen und hatte die Schule geschmissen, bildete ich mir ein. Sonja lebte jetzt wie Madonna in New York, um dort ihr Glück zu suchen, da war ich mir sicher. Ich gönnte ihr das neue Leben. Eines Tages, das nahm ich mir ganz fest vor, würde ich sie besuchen und vielleicht sogar Tanzunterricht nehmen.

Fortan lebte ich für die Samstage. Der Radiosender WDR 1, heute Einslive, sendete zwischen 13 und 15 Uhr die Schlagerrallye mit Wolfgang Roth, und ich saß vor meinem Radio-Cassettenrecorder und wartete auf Papa don’t preach. Meine Mixtape-Manie lebte ich auf dem Gymnasium aus. Dort lernte ich ein paar englische Sprachfetzen und schrieb die relativ freien Übersetzungen des vorhandenen Madonna-Materials mit einem Glitzerbleistift in mein Tagebuch. Den Schlüssel für das mikroskopisch kleine Vorhängeschloss, das zu dem Tagebuch gehörte, bewahrte ich in meinem Nachtschränkchen auf. Dann wurde es wieder Sommer, und es kamen andere Kinder zur Stadtranderholung. Sonja blieb verschwunden, und ich sang im Gedenken an sie La isla bonita, während meine Freundinnen sich Rick Astley oder Pierre Cosso hingaben. Mein ganzer Stolz war ein rotes T-Shirt mit schwarzen Punkten und U-Boot-Ausschnitt, und im Fernsehen war ein Zeichentrick-Hund namens Teasy zu sehen, und Stefanie Tücking zeigte Madonna-Videoclips und sämtliche Verrücktheiten, die man mit Haarspray hinbekommt.

Von 1988 bis 1989 ging ich fremd. Während Madonna sich als Schauspielerin in dem furchtbaren Film Who’s that girl blamierte, auf Tournee ging und sich mit Sean Penn herumschlagen musste, hatte ich es auch nicht leicht: Ich verliebte mich leidenschaftlich in Kai Böcking, der Stefanie Tücking bei Formel 1 nachfolgte, Bono von U2, Bela B. von der Ärzten und in sämtliche schmächtigen Leadsänger kleiner Independent-Bands, die ich in der Schulaula live erleben durfte. So wurde es 1989, und mit Like a Prayer kehrte Madonna in mein Leben zurück. Es war ein Paukenschlag. Im November 1989 – die Erwachsenen weinten und tranken dauernd Sekt – entfernte ich den Schutzumschlag von meiner neuen Langspielplatte und legte sie auf den Plattenspieler, der Teil der Sony-Kompaktanlage war, die ich zum Geburtstag bekommen hatte. Berlin war 600 Kilometer weit weg, und mein historisches Ereignis war diese schwarzglänzende Langspielplatte: Life is a mystery, everyone must stand alone/I hear you call my name /And it feels like home.

Zum ersten Mal spürte ich, dass diese Frau vor allem provozieren wollte: Sie legte sich mutig mit der katholischen Kirche und allen anderen Sittenwächtern an. In dem Lied ging es gleichzeitig um Sex und Gott – eine Paarung, die in den 80er Jahren auch in der streng genommen eher keuschen Serie „Dornenvögel“ hochgekocht wurde, die meine Mutter liebte, und die mich letztendlich dazu brachte, bei den Messdienern auszutreten. Aber nicht nur das: Madonna gab sich selbstbewusst, sie schien sich zu nehmen, was sie brauchte, und selbst beim Masturbieren auf der Bühne sah sie sehr, sehr gut aus.

Ich las in der Zeitung, dass das New Yorker Kaufhaus „Bloomingdales“ auf einer ganzen Etage ausschließlich Madonna-artige Kleidungsstücke verkauft, ich dachte an Sonja und meldete mich für einen Volkshochschulkurs in Jazzdance an. Das Jahrzehnt war vorbei, und die 90er Jahre begannen mit Madonnas wohl größtem Tanzflächen-Kracher, mit Vogue. An der Volkshochschule lernte ich die passende Choreographie, brachte sie meinen Cousinen bei, und zusammen tanzten wir stundenlang, wahrscheinlich waren es in Wirklichkeit Tage. Wir lebten den Mainstream und schmückten uns mit seinen Accessoires, während mein Vater auf dem Dach unseres Hauses eine Satelliten-Schüssel montierte: Endlich MTV! Den Walkman verkaufte ich.

Wir betrachteten die spitzen BHs, die Jean Paul Gaultier für Madonna geschneidert hatte, und uns wurde klar: Von nun an würde es dieser Frau erst mal nur noch um Sex gehen. So war es dann auch. Wo früher das Leben nervte und Madonna interessant war, war jetzt das Leben interessant und Madonna fing an zu nerven. Außerdem war sie pervers reich geworden, mit Time Warner schloss sie 1991 den teuersten Vertrag ab, den je ein weiblicher Popstar unterschreiben durfte: Sie bekam 60 Millionen Dollar. Ich fand das unangemessen. Keinem Menschen, so dachte ich, darf es erlaubt sein, so viel Geld zu besitzen! Und jedes Wochenende ging ich in den einzigen Club im Umkreis von 25 Kilometern. Ich musste meinen Ausweis an der Tür abgeben, weil man mit 16 Jahren nur bis Mitternacht bleiben durfte. Einmal rief der DJ eine Freundin und mich um halb eins aus. Wir hatten die Zeit vergessen und hüpften zu den Beastie Boys herum. Danach haben wir uns lange nicht mehr hingetraut. Das war alles noch viel peinlicher als Madonnas akrobatische Sex-Videos, und zwar mit Abstand.

Ein paar Jungs aus meiner Klasse fuhren 1992 für ein Austauschjahr ausgerechnet nach Seattle, und als sie zurückkamen, trugen sie karierte Holzfällerhemden, waren stolz auf das Schwarze unter ihren Fingernägeln und sahen insgesamt eher schmuddelig aus. Neben Kurt Cobain war Madonna einfach zu stromlinienförmig; die Tabus brachen jetzt die anderen. Wir distanzierten uns, außerdem wurde Madonna langsam, na ja, alt. Sie war Mitte 30, also unvorstellbar erwachsen. Den Film In Bed with Madonna habe ich nie angeschaut, weil ich mich irgendwie für sie geschämt habe. Madonna hatte es übertrieben. Ich war mir ganz sicher, dass es für immer aus sein würde mit uns.

Doch ein paar Monate, nachdem Kurt Cobain sich umgebracht und wir das Abitur bestanden hatten, kam Evita. Madonna zeigte sich im dunkelgrauen Flanell-Kostüm und mit Hut. Ein Trick, dachten wir, gleich wird sie sich Schößchenjacke und Bleistiftrock vom Leib reißen und eine neue Tätowierung oder ein Piercing entblößen. Tat sie aber nicht. Madonna war eine elegante Lady geworden, die für die halsbrecherischen Höhen und Tiefen in Don’t cry for me Argentina extra Gesangsstunden genommen hatte.

Es war ein ungewohntes Bild, und es war doch gleichzeitig beruhigend, dass sie überhaupt noch da war. Auf Madonna war einfach Verlass, sie war wie ein Talisman, den man in der Geldbörse mit sich herum trägt. Dann passierte, was passieren musste: Madonna wurde schwanger. Sie bekam ein Mädchen, ich zog nach Berlin. Madonna ging wieder ins Studio, ich zur Uni. Madonna interessierte sich für elektronische Musik, ich auch. Ein richtiger Fan ihrer Platte Ray of Light wurde ich trotzdem nicht, und ich verachtete meine Mitstudentinnen für ihre Henna-Tattoos. Einzig die blonden Engelslocken, die so mütterlich-sanft über Madonnas Schultern fielen, gefielen mir – ich machte den ersten und letzten Selbstversuch mit Wasserstoffperoxid. Wenn mich Sonja gesehen hätte! Statt blondem Engelshaar trug ich für kurze Zeit hellvioletten Afro-Look. Ich färbte wieder zurück, nach dunkelbraun. Und siehe da: Madonna tat es mir nach. Auch sie zeigte ich – wenn auch nur kurz – als Brünette!

Es war vermutlich ihr letzter radikaler Imagewechsel, bevor sie auf Anraten von Sting die Welt der Yogamatten für sich entdeckte. Sie erzählte dauernd davon, wie gut diese fernöstliche Gymnastik für Körper und Seele sei, und präsentierte dazu ihren beachtlichen Bizeps, den die Frauen liebten und alle mir bekannten Männer hassten.

Zur Jahrtausendwende coverte Madonna American Pie und löste mit dem Video zum Lied nicht nur bei mir einen Spaghettiträger-Wahn aus; ich behaupte, weil sie der Welt beweisen wollte, was eine gut definierte Oberarm-Muskulatur bewirken kann. Dann kam das Album Music, und endlich schien Madonna ihre Esoterik-Phase überwunden… doch stopp! Plötzlich wandte sie sich der Lehre der Kabbala zu, heiratete den zehn Jahre jüngeren Guy Ritchie, bekam einen Sohn, zog nach England, gab Britney Spears einen Zungenkuss und nahm – es muss kurz nach der Veröffentlichung der total bigotten Platte American Life gewesen sein – den originellen Namen Esther an.

Wieder zweifelte ich an dieser Frau, die mich über 20 Jahre meines Lebens wie ein mobiles Spiegelkabinett begleitet hatte. Alle fragten sich: Was kann jetzt noch kommen? Welches Lifestyle-Erdbeben wird sie diesmal auslösen? Und Madonna zog ein geblümtes Kleid an, ließ sich einen Seitenscheitel kämmen – und schrieb ein Kinderbuch. Das war’s also. Vom Spitzenhandschuhpop zu „The English Roses“. Besten Dank auch. Klar, wir sind mit Madonna erwachsen geworden. Aber ein Kinderbuch sollte es dann lieber noch nicht sein. Mami Madonna trieb uns trotzig in die weit geöffneten Arme der Strokes und Franz Ferdinands.

2005. Gegenwart. Die Verleihung der European Music Awards läuft auf MTV. Madonna ist 47 Jahre alt und singt ihre Single Hung Up in einem lila Fetzen. Seitdem redet die ganze Welt über die Qualitäten ihres Hinterns. Und irgendwie kommt mir die Melodie von Hung Up eigenartig bekannt vor, sie erinnert mich an etwas, das sehr lange zurückliegt. Ich schließe die Augen und versuche, mich zu konzentrieren. Ich sehe den Flokati-Teppich im Wohnzimmer meiner Eltern, die Sofalandschaft aus braunem Cord, in der Ecke steht vom matten Schein einer Glaslampe beleuchtet der Plattenspieler – und spielt „Gimme Gimme Gimme“ von Abba.

Ich muss unbedingt mal nach New York. Aber vorher höre ich mir noch das Album an.

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