Kultur : Mit Menuhin spielte sie Pingpong

Opernagentin Ilse Eliza Zellermayer unterhält in „Prinzessinensuite“ mit Klatsch und Zeitgeschichte

Heidi Jäger
Ilse Eliza Zellermayer mit ihrem „Schützling“ Luciano Pavarotti. Repro: M. Thomas
Ilse Eliza Zellermayer mit ihrem „Schützling“ Luciano Pavarotti. Repro: M. Thomas

Die knallrote Tasche aus Croco-Leder sollte schon mit aufs Foto. Nicht nur, weil sie so schön zum Wolkenblau der Zimmerdecke und dem Wiesengrün der Wände passt. Sie erzählt auch etwas über die Trägerin, die mit dieser Tasche gerade zu ihrem 90. Geburtstag beschenkt wurde. Den ungläubigen Blick hinsichtlich ihres Alters quittiert Ilse Eliza Zellermayer mit sichtlichem Vergnügen. Nein, sie treibe kein Sport, und sie esse alles, was ihr schmeckt. Ihr Geheimnis sei allein die Liebe, sagt sie mit mädchenhaftem Lächeln. Und mit überschwänglicher Begeisterung erzählt sie von ihrem Schatz, den sie jetzt nach 45 Jahren wiedergefunden hat. Jean Guillou, der wohl weltweit berühmteste Organist, trat 1960 auf die Bühne ihres Lebens und begleitete sie als Korrepetitor bei ihren Studien als Sängerin. Drei Mal die Woche kam er ins Berliner Hotel am Steinplatz, immer streng die Etikette wahrend, schließlich lebten auch ihr Töchterchen Ariana und die Haushälterin bei Ilse Zellermayer. Nur drei Nächte in Paris gönnte sich das Paar allein, bevor es sich trennte – weil beide Karriere machen wollten.

Ilse Eliza Zellermayer schrieb über diese berührende Geschichte, die jede Romanze von Rosamunde Pilcher in den Schatten stellt, in ihrem kurzweiligen Buch „Prinzessinnensuite. Mein Jahrhundert im Hotel“, das gerade im Aufbau Verlag erschienen ist. Mit dem Titel ist die Autorin allerdings nicht zufrieden: „Ich bin keine Prinzessin und schon gar nicht so süßlich. Aber der Verlag war stärker als ich“, sagt sie. Doch man spürt durchaus den kämpferischen Geist dieser vitalen Frau, die gerade über ihr Ufergrundstück am Groß Glienicker See in Unruhe ist. Der öffentliche Weg, der ihren Garten kreuzt, könne um des lieben Friedens Willen ja bleiben, räumt sie ein, und schaut von ihrer Terrasse auf die Weite des Wassers. Käme es zu einer Enteignung des Uferstreifens würde sie sich indes wehren und das erste Mal vor Gericht ziehen. Die Glückwunschkarte von Jann Jakobs zu ihrem Geburtstag hält sie dabei beschwörend in den Händen und hofft, dass sich nach den Wahlen die Wogen glätten.

In dieser idyllischen Landschaft, in der sie mit ihrer Tochter und deren Familie wohnt, durchlebte Ilse Eliza Zellermayer noch einmal gedanklich das pulsierende Leben in der Großstadt Berlin in den „Goldenen 20er Jahren“, dem sie beim Schreiben in ihrem Buch eine liebevolle Aufwartung machte. Aufgewachsen im Hotel Steinplatz in Charlottenburg bewegte sie sich als jüngstes Kind des Direktors Max Zellermayer sehr früh im Kreise von Prominenz, lernte Sprachen, gute Tischmanieren und das Zuhören, um die Eltern nicht zu blamieren. „Ich erinnere mich gern zurück, wie ich auf hohen Kissen und mit Hut auf dem Kopf beim Essen im Kreise der Erwachsenen saß und durchaus akzeptiert wurde.“ Und auch wie sie mit dem Wunderkind Yehudi Menuhin, der trotz seiner 12 Jahre noch immer kurze Hosen trug, Pingpong spielte, wenn er nicht gerade Geige übte. Sie erlebte viele russische Adelsfamilien, darunter die Nabokovs, die nach der Oktoberrevolution vor der Bolschewiki fliehen mussten und nun in dem angesehen Hause mit ihren eigenen Bediensteten logierten.

Für jeden Dauergast, und dazu gehörten die meisten, wurde eine Karteikarte angelegt, um persönliche Wünsche und bizarre Angewohnheiten zu verzeichnen. Und sei es die Wärmflasche fürs Bett. Ja, der Gast durfte auch seine eigene Matratze mitbringen, wenn er es, wie Schauspieler Georg Thomalla,wünschte. „Aus den Erinnerungen von Ilse Zellermayer könnte ich ein halbes Dutzend Filme machen“, schrieb Produzent Artur Brauner.

Und fürwahr: Die „Prinzessinnensuite“ ist gespickt mit liebenswertem Klatsch, in dem sich Zeitgeschichte spiegelt. So wurde damals auch streng auf Sitten geachtet. Romy Schneider reiste jedenfalls erzürnt aus dem Hotel ab, weil ein männlicher Gast spätabends nicht zu ihr vorgelassen wurde.

„Ich bin mein Leben lang daran gewöhnt, mit allen zu sprechen, ob mit Prinz, Professor oder Künstler.“ Und schon früh stand auch für Ilse Zellermayer fest, dass sie eines Tages auf großer Bühne stehen würde. Nach der Trennung von ihrem Jean machte sie sich auf den Weg nach Mailand, um klassischen Gesangsunterricht zu nehmen. Zu spät merkte sie, dass der Lehrer ihre Stimme dabei ruinierte. Dennoch hadert sie heute nicht mit ihrem Schicksal. „Vielleicht hätte ich als Sängerin gar nicht den Dirigenten erkennen können, weil ich so stark kurzsichtig war“, wirft sie lächeln ein. Für eine Brille war sie jedenfalls zu eitel. Doch eine andere Karriere tat sich plötzlich für die Berlinerin mit den weitreichenden Kontakten auf. Junge italienische Sänger flehten sie an, ihnen Auftrittsmöglichkeiten in Deutschland zu verschaffen. So wurde Ilse Zellermayer fast über Nacht Opernagentin, die später Weltstars wie Mirella Freni, Anna Moffo und Franco Corelli managte. Eine besondere Freundschaft verband sie mit Luciano Pavarotti, um den sie sich wie eine Mutter kümmerte. Sie organisierte ihm eine Badewanne in Übergröße und auch Slips in Größe XXXL, da er seine für die Tournee vergaß. Waren die Matratzen in einem Hotel zu durchgelegen, kam eine Tür darunter. Und wenn Pavarotti durchgeschwitzt von der Bühne in die Pause kam, föhnte sie ihm schnell den Rücken trocken. „Alle meine Sänger drückten mir in der Pause auch immer ihre Gage in die Hand, die ich in meiner Tasche aufbewahren musste. Manchmal waren es 40 000 Mark. Das macht mir schon Angst.“ Aber sie war auch stolz auf das Vertrauen.

Bis heute hilft die 90-Jährige jungen Künstlern, Auftrittsmöglichkeiten zu finden. So schön das Landleben auch ist, drängt es sie immer wieder hinaus ins brodelnde Kulturleben: hin zur Bühne, in die Oper, ins Theater. Inzwischen fährt sie nicht mehr selber Auto. „Ich kann nicht riskieren, einen Unfall zu verursachen und vielleicht ein Kind zu übersehen.“ Sie weiß, wie schmerzlich es ist, ein Kind zu verlieren.

Im Moment überlegt die umsichtige Frau, einen Chauffeur zu engagieren, auch um Jean Guillou zu animieren, künftig von Groß Glienicke aus zu seinen Tourneen aufzubrechen. Jean, der sie nach ihrem ersten Buch ausfindig gemacht hat und eines Tages auf der Terrasse stand. Mit einem Geschenk, das sie sprachlos machte: „Es war eine kostspielige antike chinesische Elfenbein-Miniatur, die ein Paar beim Liebesakt darstellte – als Erinnerung an unsere Tage in Paris.“

Glücklich wie ein Teenager holt sie ein Autogramm aus dem Schrank, das sie sich kürzlich spaßeshalber, eingereiht in die lange Fanschlange, nach einem seiner Konzerte geben ließ. „Für Ilselein, die Frau des Wiederkehrers“ ist auf dem Flyer zu lesen.

Ihre rote Tasche wird Ilse Zellermayer sicher oft an seiner Seite ausführen. „Mich umarmen die Farben“, sagt sie und schaut sich zufrieden in ihrem anheimelnden Reich am See um. Immer in der Nähe zum Telefon, denn vielleicht kommt ja gleich der ersehnte Anruf aus der Ferne. „Doch bei aller Liebe: Man darf nicht klammern“, ist eine ihrer Lebensweisheiten. Und mit 90 muss man’s ja wissen.

„Prinzesinnensuite. Mein Jahrhundert im Hotel“, von Ilse Eliza Zellermayer mit Heinz Zellermayer, Aufbau Verlag, 19,95 €.

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