Kultur : Mit mir ist es ein Hakenkreuz

Sybill Mahlke

Aus der Nussbaumallee Nr. 17 in Charlottenburg erreicht die Direktion der Berliner Straßenbahn-Betriebs Gesellschaft 1927 ein kurioses handschriftliches Briefchen: Arnold Schönberg, Leiter der Meisterklasse für Komposition an der Berliner Akademie der Künste, hat sich einen Alternativvorschlag zum System der Straßenbahnfahrkarten ausgedacht: "Anbei erlaube ich mir eine Anregung zu einem Umsteigefahrschein, dessen Gültigkeit auf eine gewisse Zeit beschränkbar ist, einzusenden ..." Kreis um Kreise hat er mit dem Zirkel und der ihm eigenen Sorgfalt gezogen, um sein Projekt einsichtig zu machen, Farben verwendet - und bittet "freundlichst um Diskretion".

Das Anschreiben und die kleine Grafik gehören zum unbeschwerten Teil der Akademie-Ausstellung, die mit atmosphärischen Fotos und Dokumenten "Schönberg in Berlin" seine drei Aufenthalte zwischen 1901 und 1933 beleuchtet. Sie kommt im wesentlichen vom Arnold Schönberg Center (Wien), ist angereichert aus dem Berliner Archiv, dessen Leiter Werner Grünzweig mit Archivarenseele auf das Bleibende verweist: "Sein Papier, das er beschrieben hat." In der zweiten Berlin-Phase Schönbergs entsteht der "Pierrot lunaire", und hier ist staunend zu besichtigen, dass die Holzschnittserie zu dem Werk, die der erst 16-jährige Conrad Felixmüller dem Komponisten zugeeignet hat, einen jugendlich-reifen Expressionisten ausweist. 1913 heißt er noch Felix Müller.

Die dritte, die wichtigste Berliner Anwesenheit Schönbergs, dessen Berufung sich dem legendären schöpferischen Kulturpolitiker Leo Kestenberg verdankt, beginnt relativ heiter, siehe Straßenbahnfahrscheinreform. Mit der schockierenden Ferienerfahrung, von der Gemeindeverwaltung in Mattsee 1921 als Jude des Ortes verwiesen worden zu sein, leistet er seinen Berliner Diensteid 1926 noch unter dem Rubrikon "evangelischer Religion". Der Kalender Gertrud Schönbergs teilt mit, dass Schauspiel, Oper und Kino frequentiert werden. Mit Schönberg kommen aus Wien die Schüler Josef Rufer und Winfried Zillig, während "in die mir unterstellte Meisterschule" als heute wohl bekanntestes Mitglied 1927 der Grieche Nikos Skalkottas eintritt. Über die "Berliner Schule", die sich von der "Wiener" mit Berg und Webern wesentlich unterscheidet, sollen demnächst (29. November bis 2. Dezember) ein Symposion und Konzerte des Ensembles Oriol Auskunft geben.

Von dem Sprechdrama "Der biblische Weg" bis zum Ende des zweiten Aktes der Oper "Moses und Aron" beschäftigt Schönberg in Berlin die jüdische Frage. Aber auch die Schande des Briefs, in dem Max von Schillings dem "Kollegen" Schönberg 1933 die Beurlaubung von der Akademieposition im Klartext vermeldet, fehlt nicht. Klarzumachen ist da schon nichts mehr, im Pariser Exil folgt 1933 Schönbergs Wiedereintritt in die jüdische Glaubensgemeinschaft.

Die Eröffnungsmatinée knüpfte sich an die Dokumente der Ausstellung. Ein "Zwölftonschieber" Marke Eigenbau aus Pappe und eine Adagio-Skizze des dritten Streichquartetts rühren das Gemüt, wenn zuvor eine Interpretation des Satzes voll stiller Konzentration erklungen ist: vom Dagan Quartett. Als Direktor der Musikabteilung und seinerseits Berliner Lehrer umschreibt Frank Michael Beyer Schönbergs Brückenschlag zwischen Schaffen und Lehren. Reinhold Brinkmann von der Harvard University fängt auch ganz vergnüglich an, obwohl er seinem Vortrag einen heftigen Untertitel gibt, die berlinischen Kommandos des Sergeanten im Warschauer Ghetto betreffend. Zuerst also Schönberg als Tennisspieler bei Rot-Weiß und Tennis Borussia, bis die Politik ins Freizeitleben dringt und er 1932 "schweren Herzens" aus dem Verein austritt. Die Stabilisierung der Kunst, die Destabilisierung der Persönlichkeit: Dass Künstler und Jude identisch werden, resümiert Brinkmann, beginnt in Berlin. Musikalisch sind ihm die Geigen I und II arco zu dem Moses-Text "O Wort, du Wort, das mir fehlt!" richtungweisend. Auf Berlin hat Schönberg bald keine Lust mehr: "Mit mir ist es ein Hakenkreuz." Der berlinische Dialekt des Sergeanten im "Survivor from Warsow" sei das "letzte Wort, das Schönberg über Berlin gesprochen hat".

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