Kultur : Mit ohne Sahne

Elfriede Jelineks „Über Tiere“ am Deutschen Theater Berlin

Jan Oberländer

„Ich zumindest“, hat der Regisseur Nicolas Stemann einmal gesagt, „muss nach drei Seiten Jelinek-Lektüre schreiend aus dem Fenster springen. Dieser Schrei ist dann die Inszenierung.“

Stemanns neuester Schrei beginnt mit einem kumpeligen Augenzwinkern in Richtung seiner Hamburger RAF-Ratlosigkeitsrevue „Ulrike Maria Stuart“, die gerade beim Berliner Theatertreffen lief. Dort stolperte Sebastian Rudolph zu Beginn in Pumps und Nylons auf die Bühne und las von einem A4-Blatt-Stapel Stücktitel und Autorinnennamen ab. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters steigt Rudolph –im adretten Hemd – von rechts auf die Rampe, setzt sich an den Tisch vor dem heruntergelassenen Eisernen Vorhang und liest von rosarotem Mädchenblümchenbriefpapier: „Über Tiere. Von Elfriede Jelinek.“

Ausgehend von O-Ton-Zitaten aus abgehörten Telefongesprächen eines österreichischen Mädchenhändlerrings hat Jelinek eine dreißigseitige Textfläche geschaffen, die einerseits eine mehrfach gebrochene Liebessehnsucht beschwört und andererseits das Gewaltverhältnis als einzig mögliches zwischen Männern und Frauen beschreibt. „Lieben ist eine bestimmte Art von Angewiesensein, mein sonderbarer Herr“, heißt es da. Aber auch: „Kunde braucht drei Mädchen zum Schmusen und Arschficken.“

Herrschaft und Gewalt wurzeln in der Sprache, das ist seit jeher Jelineks Punkt. Allerdings lässt sich ihr Text nicht schlicht auf diesen Punkt bringen. Stemanns Inszenierung ist kein engagierter Emanzipationsabend. Vielmehr beschreibt sie den Prozess einer künstlerischen Zugänglichmachung. Am Anfang wird ein rosa Umschlag geöffnet. Dann geht der Vorhang auf und die Stimmen vervielfältigen sich. Nora von Waldstätten spricht ins Mikrofon: „Ich schäme mich wegen der Inflation des Wortes ‚kommen’“ (auch das Wort „besorgen“ fällt ständig). Wie Regine Zimmermann und Almut Zilcher sitzt sie an Tischen auf flachen Podesten auf der kargen, dunkel glühenden Bühnen-Höhle (von Stemann, Mitarbeit: Anne Hölzinger). Sprecherinnen-Inseln, zwischen denen Rudolph sich bewegt, als Männer-, Publikums-, vielleicht Regisseursdarsteller. Irgendwann bricht er – kracks! – durch den Boden. Okay, könnte das heißen, rein in den Text. „Hilfe!“ ruft Rudolph. „Pscht!“ rufen die Frauen zurück.

Stemann unternimmt mit seinen Schauspielern eine staunende, verzweifelte, und sympathisch nichtswisserische Reise durch Jelineks Wortspielwüste. Die Rollenzuschreibungen wechseln ständig, bisweilen mitten im Wort. Unter dem Hemd trägt Rudolph ein Spitzentop, Ingo Hülsmann tritt in Minirock und unglaublich neongelber Strickjacke auf (Kostüme: Marysol del Castillo), streckt den Hintern vor, greift sich in den Schritt. Als Hamburger Ludenduo („Die macht’s mit ohne, die is’ nicht ohne!“) tragen sie Anzug. Dann reckt Rudolph den Zeigefinger ins Publikum: „Ja, so behandelt ihr die Frauen!“.

„Dieses Spresche is audendisch!“, sagt Regine Zimmermann im breitesten Pfälzisch. Ist es natürlich nicht. Stemann weiß, dass die Zuschauer das wissen. Darum ist es kaum mehr als ein running gag, dass er auch dieser Inszenierung eine Jelinek-Figur auftreten lässt. Almut Zilcher erzählt mit Pelzmütze und Sonnenbrille nochmal den 2005 enthüllten Skandalfall von osteuropäischen Mädchen, die „in die Betten betuchter Herren“ verkauft wurden. Und österreichelt von den sprachlich-authentischen „Beweisen“, die sie in dem Stück auf den Tisch lege.

„Delirantes Sprechen“ nennt das Programmheft die von Weltekel, Sprachwitz und Tippfehlerglück vorangetriebene Texterzeugungtechnik Jelineks. Auch Stemanns Inszenierung erzeugt delirante Momente. Dann entsteht ein hypnotischer Sprachsog, eine disharmonische Einheit aus Stimm-Imitationen und Stemanns überreizten Theatermanövern (Power-Scheinwerfer ins Publikum! Frau schreit unter Rotlichtröhre! Papierschnipselkanone!). Die Textfläche wird zum Textraum – bis zum nächsten Bruch. Der Abend in den DT-Kammerspielen ist ein einziges Ausweichen, Ausprobieren und Wiederholen, ein Springen von Identifikation zu Identifikation. Bloß: Wohin wird gesprungen?

Keine Antworten, auf keinen Fall. Nur Arbeit am Text. Am Ende spielt Margit Bendokat eine Besessene, nach einem anderen von Jelinek in den Stücktext gewobenen echten Fall: „Komm, Herr Jesus! Ficken, ficken, ficken!“ Wer ist hier eigentlich von was besessen? Bendokat schaut auf einer Videoprojektion den anderen Mimen beim Sekttrinken zu. Sieht schon ganz schön nach Premierenfeier aus.

Wieder am 24. und 27. Mai und 6. Juni.

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