Kultur : Mit Pauken und Gespür

Markus Krause

Und da sage einer, in Berlin könne man keine hochklassige Kunst verkaufen. Als die traditionsreiche Bremer Kunsthandlung Wolfgang Werner vor zehn Jahren in der Fasanenstraße eine Dependance eröffnete, begann die erste Ausstellung mit einem Paukenschlag: Dieter Honisch, der Direktor der Neuen Nationalgalerie, erwarb für sein Museum das von Lovis Corinth 1918 geschaffene Atelierstillleben einer am Boden zerschmetterten Ritterrüstung - eine ergreifende, hinreißend gemalte Allegorie der Vergänglichkeit, ein Abgesang auf das untergehende Kaiserreich, der erst jüngst in der Ausstellung "Der Potsdamer Platz" in der Nationalgalerie wieder zu bewundern war. Dieser glänzende Start der kurz nach der Wiedervereinigung mehr aus Idealismus als aus wirtschaftlichem Kalkül gegründeten Filiale der Galerie schien berechtigten Anlass zur Hoffnung zu geben, Berlin könnte sich tatsächlich zur Plattform für eine erfolgreiche Zweitniederlassung entwickeln. Wie jetzt eindrucksvoll nachzuvollziehen ist, sollte sich diese Hoffnung für Wolfgang Werner in den darauffolgenden Jahren voll und ganz erfüllen.

Corinths "Rüstungsteile im Atelier" von 1918 ist in der gegenwärtigen Schau nicht zu sehen, aber dafür eine Reihe anderer hochrangiger Werke, die Wolfgang Werner in den letzten zehn Jahren in seiner Galerie verkauft hat. Eigentlich plante Werner, das zehnjährige Jubiläum mit einer großen Dubuffet-Ausstellung zu begehen, doch die Anschläge vom 11. September hinderten ihn daran. Die Leihgeber aus Amerika wollten ihre Bilder nicht dem Risiko eines Transports aussetzen. Also verlegte er sich kurzentschlossen auf eine Accrochage, eine Leistungsschau, durchsetzt mit Leihgaben privater Sammler, die bei ihm fündig geworden waren. Da sind sie wieder, Paula Modersohn Beckers fast ikonenhafter "Kopf eines blonden Mädchens" vor einer Landschaft von 1901, der in Berlin eine neue Heimstatt gefunden hat, Adolph von Menzels berückend schönes Pastell der Schwester Emilie (1848), das 1994 in Werners Menzel-Ausstellung gezeigt wurde, Lovis Corinths meisterhaftes Bravourstück eines toten Hasen (1921), das ebenfalls in eine Berliner Privatsammlung wanderte. Dieses Bild verkaufte Werner seinerzeit nicht in der Galerie, sondern 1996 auf dem ersten Berliner "Art Forum", das in den Anfangsjahren gar nicht als programmatische Messe für aktuelle junge Kunst geplant war, sondern auch hochrangige klassische Kunsthändler wie Raimund Thomas aus München und Annely Juda aus London anzulocken vermochte.

Manchmal geht die Kunst verschlungene Wege, auch das macht die Überblicksausstellung sichbar. Als das Auktionshaus Phillips Anfang November in New York die erstklassige Sammlung Hoener mit Meisterwerken des deutschen Expressionismus und der klassischen Moderne versteigerte, wurde deutlich, dass Wolfgang Werner derjenige Händler gewesen war, der in den vergangenen 15 Jahren die Sammlung hauptsächlich aufgebaut hatte. Eines der Werke, das zur Versteigerung gelangte und ursprünglich von Werner stammte, hängt nun wieder in der Galerie: Emil Noldes eindrucksvolle Gouache eines alten Mannes mit einer junger Frau aus den frühen dreißiger Jahren, angeboten für 680 000 Mark. Wie die nun ebenfalls verkäuflichen Arbeiten etwa von Degas, Liebermann, Baumeister und Richard Oelze zeugt das Blatt von Werners großem Gespür für die künstlerische Qualität des einzelnen, einmaligen Kunstwerks. Auch dadurch wird die intime, bunt gewürfelte Ausstellung, die dem Betrachter einen kleinen Einblick in den Kreislauf der Kunst gewährt, zu einem Ereignis. Für einen kurzen Moment laufen die von weither kommenden Fäden wieder in der Galerie zusammen. Es dauert nicht lange, und sie streben - diesmal vielleicht für immer - erneut auseinander.

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