Kultur : Mit Pauken und Gitarren

Titos tanzende Enkel: Der anarchische Balkanpop erobert die Welt. Nun feiert er Geburtstag in Berlin

Alexander Glodzinski

Dienstagnacht, Maria am Ostbahnhof, ein Tollhaus. Gogol Bordello lässt den Laden brodeln. Schon im zweiten Song schleudert Eugene Hütz, Frontmann der Zigeunerpunkband, sein schweißdurchtränktes T-Shirt dem Schlagzeuger entgegen, stemmt die Faust in die knochigen Rippen und grinst mit aufgerissenen Augen. Als zwei Frauen mit Pauken und Becken auf die Bühne marschieren und einen brutalen Rhythmus vorgeben, beginnt die Meute zu toben. Kein Hemd bleibt trocken. Zuschauer werden auf Händen durch den Raum getragen.

Gogol Bordello sind die vielleicht prominentesten Vertreter des Phänomens Balkanpop, das einen weltweiten Siegeszug angetreten hat. Punk wird mit einem heftigen Schuss Zigeunerkultur – ein Begriff, der selbstverständlich und selbstbewusst gebraucht wird – zu einem globalen Rebellenrock vereint. 1993 kam Hütz nach New York, sieben Jahre zuvor war er aus seiner ukrainischen Heimat vor der Tschernobyl-Katastrophe geflohen. Die Flucht wurde eine Reise zu den Familienwurzeln, zur Kultur der Zigeuner. Und das Ergebnis ist jene exotische Mischung, die vielleicht nur in einer Metropole wie New York oder Berlin gedeihen kann. Slawische Immigranten besinnen sich auf ihre Herkunft. Selbstsicher beansprucht Hütz, der ein bisschen aussieht wie Frank Zappa, seitdem die Urheberschaft für das Genre Balkanpop.

Nirgendwo sonst ist der lebendiger als in Berlin, dem Einfallstor für Künstler aus dem ehemaligen Ostblock. Russendiskos füllen die Säle, traditionelle jugoslawische Volkslieder werden mit elektronischem Beat unterlegt. Stefan Hantel, besser bekannt als Shantel, ist mit seinem Album Disko Partizani auf Platz eins in den türkischen Charts eingestiegen; auch die Filmmusik von Emir Kusturica erregte hierzulande die Aufmerksamkeit von Musikern und Produzenten.

Balkanpop beeinflusst heute fast jedes Genre, meint Christoph Borkowsky von Piranha Music. „Es gibt kaum noch eine Musikrichtung, die nicht mit orientalischen Klängen arbeitet“, sagt der Direktor des Weltmusiklabels, das von Berlin aus einen großen Fundus an südosteuropäischer Musik vermarktet. Robert Šoko, der Gründer von Balkanbeats, einem der erfolgreichsten Party- und Konzertveranstalter, pflichtet bei: „Der Hype ist überall der gleiche“, sagt er, von Oslo über Valencia bis nach New York. Mit seinen Partys gehört der Kroate, der seit 1990 in Berlin lebt, zu den Multiplikatoren der Musikbewegung. Ohne die Energie, die in dieser Stadt beim Zusammenprall von Ost und West entstehe, wäre Balkanbeats nicht möglich, glaubt er. Als seine alte Heimat in den nationalistischen Wirren des Jugoslawienkriegs auseinanderbrach, wurde die Kreuzberger Kellerkneipe Arcanoa zum Refugium. Sie war der Sammelpunkt für die Flüchtlinge vom Balkan, und sie war der Geburtsort der Balkanbeats, vor genau 14 Jahren.

Der Raum war düster, an der Wand hing ein Banner von Josip Broz Tito. Von alten Kassetten dröhnte Gitarrenrock, Punk und Turbofolk, es floss viel Alkohol. Fünfzig Entwurzelte feierten den Geburtstag eines Staats, der seinen 60. Jahrestag nicht mehr erlebte: Kroaten, Bosnier und Serben, Christen, Orthodoxe und Moslems sangen gemeinsam sozialistische Lieder – Persiflage auf den Kommunismus und ein bisschen Nostalgie.

Das Image des Balkans war einst von Sonnenschein und Cevapcici geprägt, später von Stichworten wie Betrug, Raub und Mafia. Die verrückte Emotionalität des Balkanpop verleiht ihm wieder ein positives Image. Das ist Šoko wichtig: „Das schlechte Profil der Jugos war verständlich, doch jetzt entwickeln wir ein Profil, das tanzbar und sexy ist.“

Ihren 14. Geburtstag feiern die Balkanbeats heute Abend im Kato in Berlin-Kreuzberg. Es spielt die kroatische Band Let 3, die berüchtigt ist für musikalisches Chaos und ästhetische Provokation. Ein hemmungsloses Spiel mit den Symbolen und Parolen des kommunistischen Jugoslawien und seiner ethno-national fundierten Nachfolgestaaten.

Let 3, Kato, unter dem U-Bahnhof Schlesisches Tor, 21 Uhr, 10 €

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