Kultur : Mit Peitsche auf der Fifth Avenue

Das Literaturhaus Berlin erinnert an das wilde Leben der „Dada-Baroness“

Udo Badelt

Das Stück Baumrinde sieht schäbig aus. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt, wie die Maserungen nach oben streben, sich wölben und zu einem Gebäude aufschichten, einem Turm, einer Kathedrale. So heißt dieses Kunstwerk auch: „Cathedral“. Geschaffen – beziehungsweise gefunden – wurde es 1918 von Elsa von Freytag-Loringhoven, die als deutsche Dada-Baroness in New York lebte. Mit einer Ausstellung erinnert das Berliner Literaturhaus jetzt an diese Kunstpionierin (1874–1927), die lange vor Marcel Duchamps Readymade-Objekten und Andy Warhols Suppendosen Alltagsgegenstände zur Kunst erhob. So zeigt die Ausstellung auch einen rostigen Ring, der wohl einst ein Abflussrohr umschloss. Elsa Greve, wie sie damals noch hieß, fand ihn am 19. November 1913 auf dem Weg zum Standesamt von Manhattan, wo sie im Begriff war, den Baron von Freytag-Loringhoven zu heiraten. Kurzerhand erklärte sie ihn zum Kunstwerk und nannte ihn „Enduring Ornament“.

Geboren wurde die Baroness als Elsa Plötz in Swinemünde. Mit 19 Jahren entfloh sie der provinziellen Enge nach Berlin, wo sie in der Fasanenstraße in Nähe zum heutigen Literaturhaus wohnte. Sie arbeitete im Varieté Wintergarten, stand Modell für Maler, malte selbst und gab sich ihrer Sexsucht hin. 1901 heiratete sie August Endell, den Erbauer der Hackeschen Höfe, 1907 den Übersetzer und Dichter Felix Paul Greve, mit dem sie 1910 in die USA ging, wo er sie verließ. Die Ehe mit dem Baron von Freytag-Loringhoven dauert trotz des „Enduring Ornaments“ auch nicht lange, aber sie ermöglichte es ihr, als „Baroness“ das protestantische Amerika zu provozieren.

Zeitgenossen erinnern sich an die Erscheinung der Baroness in New York, wo sie 1917 mit schwarz bemalten Lippen die Fifth Avenue entlang promenierte, mit Tee-Eiern als Ohrringen. An ihrem Po blinkte ein elektrisches Licht: „Autos und Fahrräder haben Rücklichter. Warum nicht ich?“ Als Nachbau zeigt das Literaturhaus die „Limbswish“ eine Vorhangkordel mit Metallfeder, die die Baroness am Gürtel trug wie ein Cowboy den Colt. Das Objekt war sexuell doppelt aufgeladen. Der Name bedeutet sowohl Verlangen des Körpers (Limb’s wish) als auch Körperpeitsche (Limb swish).

Mit kurz geschorenen Haaren und androgyner Erscheinung inszenierte sie ein Gender-Spiel, wie es erst Jahrzehnte später wieder aktuell werden sollte. Für Aufsehen im Freundeskreis, zu dem auch Man Ray, Francis Picabia und Marcel Duchamp gehörten, sorgten ihre experimentellen Gedichte („amerikanische Seelenlyrik von der Stange“), in denen sie neue Wörter erfand und Englisch und Deutsch vermischte. Viele waren in einer für die Zeitgenossen inakzeptablen sexuellen Offenheit geschrieben und wurden nie gedruckt. Was veröffentlicht wurde, stand in der „Little Review“, einer führenden Zeitschrift der literarischen Avantgarde, und war weitaus obszöner als die daneben abgedruckten Auszüge aus dem „Ulysses“ von James Joyce. Als ein Gericht 1921 untersagte, Joyce zu drucken, traute sich die Zeitschrift auch nicht mehr, die Verse der Baroness zu drucken. Sie finden sich jetzt in der Biografie von Irene Gammel.

Als Elsa von Freytag-Loringhoven 1923 nach Berlin zurückkehrte, war die Zeit von Dada schon vorbei. An die neuen Bewegungen fand sie, inzwischen über 50, keinen Anschluss mehr. Sie musste um Geld betteln, Zeitungen am Kurfürstendamm verkaufen und starb später in Paris an einer Gasvergiftung - ob Unfall oder Selbstmord, ist nicht geklärt. Da der erste Weltkrieg alle Verbindungen zwischen dem deutschen und amerikanischen Dada abgeschnitten hatte, ist sie bis heute in Deutschland weitgehend unbekannt. Mit der Berliner Ausstellung muss die Kunstgeschichte nicht umgeschrieben werden. Aber durch das Detail dieses Lebens sieht man eine ganze Epoche noch einmal neu.

Bis 8.Mai, tgl. 11–19 Uhr, Fasanenstr. 23, Katalog 20 €. – „ Mein Mund ist lüstern. Dada-Verse von Elsa von Freytag-Loringhoven“, 18 € (beide Edition Ebersbach).

0 Kommentare

Neuester Kommentar