Kultur : Mit Phantasie voran

CHRISTOPH FUNKE

Einer will weg aus der Provinz, irgendwohin, nach Moskau vielleicht, man kennt das.Oder will er doch lieber dableiben, bei den Freunden, den Frauen, der Mutter? Gramow, der Held in "Ich gehe fort" von Alexej Slapovskij (Jahrgang 1957), ist vielleicht der Russe schlechthin, von Sehnsucht nach der Ferne gepackt und doch unfähig, sich vom Gewohnten zu lösen.Er erzählt und erfindet Geschichten, hat flüchtige Beziehungen, bleibt allein und ratlos, ist nicht gut, nicht schlecht.Die anderen sucht er nur, um sich zu finden, zu bestätigen, aber solche Selbstwertbestimmung mißlingt in grotesker Weise.Ob er Abschied nimmt oder den Abschied verschiebt, ob er sich betrinkt oder gar tot ist (was sich als Irrtum herausstellt), ob er als Held gefeiert oder als Widerling angeklagt wird - es läßt sich nichts an ihm festmachen, kein Gefühl, kein schöpferischer Impuls, kein tragfähiger Gedanke.Also wieder einer, dem die Tschechow-Melancholie tragikomisch zu schaffen macht?

Nach der letzten Lesung in der Reihe "Neue russische Dramatik II" in der Baracke des Deutschen Theaters in Berlin ging es im abschließenden Podium zunächst tatsächlich wieder um die russische Idee.Slapovskij selbst bezweifelte, daß es diese "Idee" je gegeben habe: "Es gibt jetzt keine." Und beschrieb dann doch eine in seinem Stück gestaltete seelische Bewegung, die nach außen drängt und wieder, notwendig, zum Mittelpunkt zurückführt: "Bei uns in Rußland sind alle Menschen Philosophen, die vor sich selber davonlaufen und dann eben auch von anderen weggehen." Dem liege der Versuch zugrunde, eigene Grenzen zu sprengen, über sich hinauszugehen, die physische Fesselung an einen Ort zu überwinden.

Zum "Geheimnis des inneren Lebens" bekannte sich Oleg Bogajev, Autor des Stückes "Russische Nationalpost" (Tsp.vom 14.12.), mit einem ganz anderen und doch verwandten Helden: Iwan Shukow schreibt an seinem 75.Geburtstag Briefe an sich selbst - auch hier stand Tschechow Pate, mit seiner Erzählung "Wanka" - und findet dadurch einen Schlüssel zu seinem Leben, besteht die Begegnung mit dem eigenen Spiegelbild.Aber in der Gesprächsrunde mit Autoren, Regisseuren, Kritikern, Dramaturgen aus Ekaterinenburg, Saratov, Moskau, Nowosibirsk gab es auch ganz andere Meinungen.Der Regisseur Boris Juchananov bekannte freimütig, daß ihn zeitgenössische russische Dramatik nicht interessiere.Und über das Theater der Vergangenheit, etwa das 100jährige Künstlertheater, fand er den Satz "Der Leichnam ist gestorben".Man faule in Rußland im Gegensatz zum Westen gerne in Gemeinschaft, und ein schon verendetes Theater werde noch immer von Autoren bedient.Auch von den anwesenden? Hier blieb Juchananov unverbindlich, er jedenfalls befinde sich auf der Suche nach einer universellen Kunst."Die Hoffnung auf Widerspiegelung der Welt im Theater ist ausgeschöpft." Die einzige Idee sei, daß das Volk leben wolle.Was also spielt Juchananov an seinem Theater? Nur ein Stück, in nun schon zehn Jahren, mit immer neuen Darstellern, Tschechows "Kirschgarten".

Für den deutschen Beobachter ist anderes auffällig.Stefan Schmidtke, Organisator und geistiger Kopf der Reihe "Neue russische Dramatik", gab dem Podium nicht zufällig den Titel "Komödien und Katastrophen".Das Theater gibt nicht auf in Rußland, und es bekennt sich, mehr oder weniger, also wie überall, zur neuen Dramatik.Da ist ein jährliches Festival zeitgenössischer russischer Dramatik in Ljubimovka bei Rußland, Dramatikseminare ("Slawischer Basar 101") werden veranstaltet, und in Nowosibirsk geht ein "Weihnachtsfest der Künste" über die Bühne, zum nächsten Mal beim Jahrhundertwechsel 1999/2000.So widersprüchklich die gesellschaftliche Lage auch ist, das Komödiantische bricht sich Bahn in den neuen Stücken, eine souveräne, selbstkririsch-ironische Haltung.Vielleicht gibt es nicht immer "künstlerische Schönheit", wie während des Podiums zu hören war.Aber die Helden lassen sich etwas einfallen, um das Leben zu meistern, ihre Phantasie durchstößt Grenzen.Komödien und Katastrophen - Komödien gegen die Katastrophe.Vielleicht kann Theater doch noch Menschen zeigen, die sich mit der "Welt", wie immer sie sein möge, nicht zufrieden geben.

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