Kultur : Mit Raubtieren im Taxi durch die Nacht

Kapitalistischer Zirkus in einer namenlosen Stadt: Rawi Hages surrealer Roman „Spinnen füttern“.

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Sein Apartment gleicht einer Bücherhöhle. Fly, der Taxifahrer, nutzt jeden Quadratzentimeter als Stauraum. In jeder Ecke erheben sich papierne Türme wie Stalagmiten, kleine Buchkolonien machen ihm seinen Platz streitig – und verlangen überdies nach Anteilnahme. Genau genommen begibt sich der junge Mann mit jedem Schritt durch sein Reich in die Gefahr, von den gesammmelten Wälzern erschlagen zu werden und von den Gespinsten, die sie in sich tragen, für immer verschluckt.

Fly träumt sich hinein in Romane und Geschichtsdarstellungen, masturbiert, in literarische Szenerien hineinschlüpfend, auf dem fliegenden Teppich seines Vaters und erlebt auch die Welt, durch die er sich mit seinem Taxi bewegt, wie einen Roman. Er ist selbst eine romanhafte Gestalt: ein Don Quijote des 21. Jahrhunderts, ein Taxi Driver im Moloch der Gegenwart, ein Heimatloser, der sich an den Buchstaben festhält und an Sätzen durch das Leben hangelt.

Rawi Hage, der 2012 mit einem DAAD-Stipendium in Berlin lebte, gewann mit seinem Debüt „Als ob es kein Morgen gäbe“ (De Niro’s Game) 2008 den International IMPAC Dublin Literary Award. Nach „Kakerlake“ liegt nun sein dritter Roman „Spinnen füttern“ in der Übersetzung von Gregor Hens vor. Wunderbar literarisch verleiht er dem Dasein in den Schattenbezirken unserer modernen Städte eine surreale Note. Als Hage Anfang der 80er Jahre aus dem bürgerkriegsgeschüttelten Beirut nach New York kam, arbeitete er zunächst als Taxifahrer. Damals dürfte ihm eine grundlegende Typologie in den Sinn gekommen sein, die sein Held Fly zur Theorie ausarbeitet: „Es gibt zwei Arten von Taxifahrern: Spinnen und Fliegen. Die Spinnen lauern an Taxiständen, bis die Funkzentrale anruft oder ein Fahrgast in ihren hungrigen Wagen schlüpft. Fliegen dagegen sind Streuner, rastlos und einsam fahren sie durch die Nacht, bis sie – in einer Gasse, auf einem Bordstein – einen Winkenden oder Pfeifenden entdecken. Ich bin ein Streuner.“

Tagsüber liest Fly in seinen Büchern, nachts liest er die städtischen Underdogs in seinem „Schiff“, seinem „Flugzeug", seinem „Heim“ auf: Huren, Betrunkene und Stripperinnen, die Verlorenen und Traurigen, die Drogenhändler und Halbseidenen lassen sich auf die Rückbank seines Taxis fallen.

In vielen kleinen Episoden führt Hage hinein in das, was man einmal Großstadtdschungel nannte, in die Gassen und in die Gosse, wo abenteuerliche Begegnungen auf ihn warten. Mit einem Dealer, den er für gutes Geld in düstere Ecken an den urbanen Randbezirken begleitet. Oder mit einem englischen Gentleman, der an einen geheimen Ort gebracht werden möchte, wo Orgien im Geiste de Sades gefeiert werden. Oder er trifft sich mit der Prostituierten Sally, die ihm aus ihrer Welt erzählt. Alles saugt der von Ort zu Ort und Geschichte zu Geschichte fliegende Fly auf, ohne dass ihn das Gehörte und Gesehene korrumpieren würde. Es ist, als würde der schwärmerische Fly auch sein Leben als Literatur begreifen: als ein großes Reservoir an Erzählungen, auf heimliche und manchmal auch unheimliche Weise miteinander verbunden und voller Anspielungen auf die großen Epen. In Rawi Hages Roman treffen sich Absurdität und Realität, Tiefsinn und Witz wie auf einer Kreuzung mitten im Stadtzentrum.

Eine zutiefst amerikanische Einrichtung, die dem Roman auch seinen ursprünglichen Titel „Carnival“ gegeben hat, spielt in Flys namenloser Stadt eine bedeutende Rolle: eine Kreuzung aus Wanderzirkus und Entertainment Park, die zwar etwas durchaus Karnevalistisches hat, aber eher eine Kirmes mit Fahrgeschäften und Spektakel ist. Als Motto zitiert Hage den russischen Literaturtheoretiker Michail Bachtin, der dem Karnevalistischen in der Literatur bekanntlich zu Ehren verhalf, indem er in seiner Rabelais-Studie darin etwas volkstümlich Rebellisches erkannte, eine Besudelung des Etablierten durch den Schmutz des Trivialen, eine Unterwanderung des hohen Tons durch das obszöne Gelächter der Hinterhöfe in entlarvender Geste.

Der „Carnival“ wird bei Rawi Hage zum Bild für eine auf den Kopf gestellte, sich aller Regeln entledigenden Gesellschaft. In der Ausgelassenheit kommen die Menschen zu sich. Man kann sich dabei, als Fremder unter Fremden, gut verstecken. Aber das hat auch etwas Bedrohliches. Denn nicht immer ist klar zu erkennen, wer sich hinter den Masken verbirgt, was die Herumtreiber im Schilde führen. Dem Erzählen eröffnet dieses Setting erstaunliche Freiheiten: Hage schafft sich mit Fly einen Streuner, der seine Umgebung, bei allen realistischen Details, mit großer Übertreibungslust betrachtet.

Tatsächlich ist schon die Herkunft dieses Fly grotesk, ja pikaresk: „Gezeugt wurde ich auf einer Zirkusreise, von einem Fahrenden, der ein Kamel besaß, und einer seiltanzenden Mutter.“ Fly wächst unter Artisten, Clowns und Freaks auf, ein Zwerg prophezeit ihm früh „ein Leben der Wanderschaft unter Spinnen und wilden Tieren“.

Die Vorsehung trifft ein. Und die wilden Tiere zeigen im Laufe des Romans ihre Krallen. Die Geschichte verdüstert sich. Der väterliche Freund Otto, ein Linker alter Schule, gerät nach dem Tod seiner Frau in einen Abwärtsstrudel, der ihn gar zum Mörder werden lässt. Ein Serienmörder, dem mehrere Taxifahrer zum Opfer fallen, treibt sein Unwesen in der Stadt. Die Welt ist ein Zirkus, in dem die Tiere übereinander herfallen und die Dompteure machtlos zuschauen.

Man muss nicht allzu viel hermeneutische Energie aufbringen, um darin eine Parabel auf unseren Raubtierkapitalismus zu sehen; auch religiöser Fundamentalismus rückt zusehends ins Scheinwerferlicht des Taxiromans. Rawi Hages Kunst besteht aber darin, diese Themen in seinen hochartifiziellen, urbanen Kosmos aufzunehmen, ohne sie als Trumpf auszuspielen. So stellt „Spinnen füttern“ am Ende das Poetische über den uns zermürbenden Alltag. Die Literatur ist eben nicht nur das Medium, mit dem sich Wirklichkeit darstellen lässt; sondern zugleich ihr mächtiger Gegenpol – der fliegende Teppich, mit dem wir ihr entkommen können.

Rawi Hage:

Spinnen füttern.

Roman. Aus dem

Englischen von

Gregor Hens.

Piper Verlag,

München 2013.

295 Seiten. 22,99 €.

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