Kultur : Mit Recht und Moral

Warum das Land Berlin die „Berliner Straßenszene“ restituiert hat / Von Kultursenator Thomas Flierl

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Die Rückgabe des für den deutschen Expressionismus so wichtigen Werks „Berliner Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner schmerzt jeden, dem das Wohl der Berliner Museen am Herzen liegt. Verwunderlich, ja ärgerlich, ist allerdings, mit welcher Ignoranz und welchem Subtext die Rückgabe an eine Erbin in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

So groß die emotionale Betroffenheit und die Verlockungen des Wahlkampfs auch sein mögen: Die Diskussion sollte frei sein von Unterstellungen wie der, dass das Land Berlin „dilettantisch“ gehandelt und die Besitzgeschichte des Bildes nichts mit der NS-Verfolgung jüdischer Bürger zu tun habe. Denn wie relevant für die Entscheidung ist der Vorwurf, der ursprüngliche Eigentümer Alfred Hess habe bereits seit 1929 Werke seiner bedeutenden Sammlung verkaufen müssen, da seine Schuhfabrik insolvent gewesen sei? Mit dieser Behauptung wird nahegelegt, dass Thekla Hess, die Frau des 1931 Verstorbenen, aufgrund eigener Misswirtschaft auch dieses Werk 1936 oder 1937 an den Sammler Carl Hagemann veräußern ließ. Die Herrschaft der Nationalsozialisten sei folglich für den Verkauf nicht ursächlich gewesen.

Richtig ist, dass die „M&L Heß Schuhfabrik“ noch 1932 im Handbuch der Deutschen Aktien-Gesellschaften geführt wurde. Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich auch auf das Erfurter Unternehmen aus; insolvent war die Aktiengesellschaft aber weder 1929 noch in den folgenden Jahren. Die Behauptung einer Insolvenz ist daher unhaltbar, sie mutet angesichts dessen, was die Familie Hess danach erlitten hat, geradezu zynisch an.

Bereits 1935 unterfiel ein Teil des Immobilienvermögens in Erfurt „einer nationalsozialistischen Entziehungsmaßnahme durch verfolgungsbedingten Zwangsverkauf“, so das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen 1997. 1936 fragte das NSDAP-Amt des Gauwirtschaftsberaters an, ob Angestellte, Aufsichtsratsmitglieder, Vorstandsmitglieder und Aktionäre der Schuhfabrik jüdischen Glaubens seien. Dies musste bejaht werden. 1937 verlor die Familie Hess ihre Aktienanteile aufgrund der NS-Herrschaft. Dies hat das Verwaltungsgericht Gera 2002 festgestellt. In der Urteilsbegründung heißt es, dass die Vermutung für einen vermögensbedingten Verlust nur durch den Beweis widerlegt werden kann, dass ein angemessener Kaufpreis gezahlt wurde, dass der Veräußerer frei über diesen verfügen konnte und das Rechtsgeschäft auch ohne die Herrschaft des Nationalsozialismus abgeschlossen worden wäre. Das Bundesverwaltungsgericht hat den Tatbestand des verfolgungsbedingten Verlustes der Schuhfabrik Hess 2004 bestätigt. In einem weiteren Urteil von 2003 stellte das Bundesverwaltungsgericht außerdem fest, dass ein verfolgungsbedingter Entzug selbst dann vorliegt, wenn die Veräußerung (nur) mittelbar durch die NS-Herrschaft bedingt war.

Vor diesem Hintergrund kann man nicht argumentieren, die Veräußerung des Kirchners durch Thekla Hess hätte auch ohne die Nationalsozialisten stattgefunden. Dies wäre auch nicht vertretbar angesichts der Tatsache, dass ihr Sohn Hans Hess bereits 1933 seine Arbeitsstelle beim Verlagshaus Ullstein verlor. Er ging 1933 ins Exil.

Wenn außerdem gefordert wird, die Rückgabe hätte verweigert werden müssen, da die „Wahrscheinlichkeit“, dass Carl Hagemann gezahlt habe, größer sei als die, dass der Kaufpreis nicht bei der Witwe angekommen sei, zeugt dies von Unkenntnis der Leitlinien des Rückerstattungsrechts. Man kann es nicht häufig genug betonen: Das Land Berlin war nicht nur verpflichtet zu beweisen, dass das Werk ohne die NS-Herrschaft überhaupt verkauft worden wäre, sondern auch, dass Thekla Hess den Kaufpreis von Hagemann tatsächlich erhalten hat. Auch hierfür gibt es keinen Beweis. „Wahrscheinlichkeiten“ reichen nicht aus.

Für eine „faire und gerechte“ Lösung gab es nur zwei politisch vertretbare Möglichkeiten: Die Rückgabe gegen Zahlung des Kaufpreises, den Berlin 1980 zahlte, oder die Entschädigung der Erbin bei Verbleib des Werks im Brücke-Museum. Jede sonstige Variante (etwa Berlins Partizipation an einem Weiterveräußerungserlös) wäre moralisch nicht vertretbar. Denn damit hätte Berlin im Nachhinein von dem (anerkannten) NS-verfolgungsbedingten Verlust unter Ausnutzung der Entwicklung des Kunstmarkts finanziell profitiert. Gänzlich unpassend ist der Gedanke, zumindest die Zinsen des Kaufpreises hätten zurückgefordert werden müssen. Wir sollten nicht vergessen: Berlin hatte auch die Freude an diesem Bild.

In den mehr als zehn Monate währenden Verhandlungen war es das Ziel, das Gemälde in Berlin zu halten und die Erbin finanziell zu entschädigen. Die Verhandlungen liefen – wie in solchen Fällen üblich – diskret. Dies verlangt der Persönlichkeitsschutz gegenüber den Erben. Zum anderen lief jede Form von Öffentlichkeit Gefahr, weitere Bieter auf den Plan zu rufen und so die Verhandlungsposition des Landes zu schwächen. Mithilfe von privaten Sponsoren wurden zwei Angebote unterbreitet. Die Erbin, die eine am Marktwert orientierte Summe verlangte, lehnte beide ab. Darauf wurde die „Straßenszene“ gegen Zahlung des 1980 gezahlten Kaufpreises zurückgegeben.

Wer das Agieren großer Auktionshäuser auf dem Kunstmarkt kennt, weiß, dass dem Fall Kirchner weitere folgen werden. Ein „Feuerwehrfonds“, wie ihn der Chef der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Martin Roth, vorschlägt, kann angesichts knapper öffentlicher Kassen hilfreich sein, um die Kunstwerke für die Öffentlichkeit zurückzukaufen. Dies kann jedoch kein Königsweg sein. Dafür ist die Dimension vergangenen Unrechts auch im Bereich der Kunst zu groß.

Die „Berliner Straßenszene“ wird am 8. November in New York versteigert. Damit bietet sich die Möglichkeit, das Werk zurückzuerwerben und es dem BrückeMuseum, in welches es ohne Zweifel gehören würde, wieder zur Verfügung zu stellen. An diesem Ziel sollten alle mitwirken, denen das Kunstwerk am Herzen liegt.

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