Kultur : Mit sechs Sinnen dabei

Die Chef-Betreuerin der Stars über ihren Job

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Gabrielle Heidecker

LEITERIN GUEST–MANAGEMENT

Mein Team und ich, wir sind so etwas wie die Visitenkarte der Filmfestspiele. Wir empfangen die Regisseure und Schauspieler des Wettbewerbs, der Berlinale Special Reihe und vieler Filme des Panoramas und begleiten sie bei offiziellen Auftritten. Ich arbeite mit 30 so genannten Betreuern, die dolmetschen und Erfahrung im Umgang mit Menschen unterschiedlicher Kulturen haben.

Während des Festivals koordiniere ich ihre Einsätze. Das Ganze ist eine komplexe logistische Aufgabe, denn jeder von ihnen betreut oft mehr als fünf Filmcrews. An erster Stelle steht für uns, dass die Gäste ein Gefühl der Verbundenheit zur Berlinale entwickeln. Sie sollen den Eindruck gewinnen, dieses Festivalschiff steche nur für sie in See. Der Kapitän des Schiffes, Herr Kosslick, wünscht sich ein frohes Festival. Wir versuchen daher liebenswürdig und sorgfältig mit allen Gästen umzugehen. Es ist egal, ob einer ein großer Star ist oder nur einen Kurzfilm gemacht hat – alle werden mit der gleichen Herzlichkeit betreut.

Eine unserer wichtigsten Aufgaben besteht darin, die Kommunikation unter den Gästen zu ermöglichen. Meine Betreuer müssen daher sehr viele Sprachen beherrschen. Englisch, Spanisch, Französisch und Italienisch genügen nicht. Viele sprechen auch die skandinavischen Sprachen sowie Russisch, Japanisch, Chinesisch und in diesem Jahr auch Koreanisch, Arabisch, Farsi und Serbo-Kroatisch. Die Betreuer müssen auch die Fähigkeit haben, zwischen den Zeilen zu lesen. Wenn beispielsweise ein Filmteam aus den USA mit einem aus China zusammentrifft, dann stehen sie dazwischen und müssen einen Dialog ermöglichen. Trotz möglicher Angespanntheit sollten sie ein herzliches Klima schaffen und diplomatische Fähigkeiten besitzen. Die Betreuer und ich, wir unterliegen einer Schweigepflicht und werden nie über das sprechen, was wir über das Privatleben der Berlinale-Gäste erfahren sollten.

Meine eigentliche Arbeit für die Berlinale beginnt im Spätherbst und wird intensiver, wenn sich herauskristallisiert, welche Filme ausgesucht werden. Es ist wichtig, zu erfahren, welche Konflikte in diesen Filmen angesprochen werden, so dass ich dann die passenden Betreuer aussuchen kann. Auf dieser Berlinale haben wir eine dänisch-arabische Koproduktion, Filme aus Dänemark und Iran. Meine Betreuer müssen da auf mögliche Empfindlichkeiten vorbereitet sein. Es ist unerlässlich, mit den Gepflogenheiten in diesen Ländern vertraut zu sein. Um Menschen mit so vielfältigen Fähigkeiten zu finden, betreibe ich das ganze Jahr über Kontaktpflege, aber im Hauptberuf bin ich freischaffende Künstlerin. Während der Berlinale – dies ist übrigens schon meine 26. – muss mein sechster Sinn immer eingeschaltet sein.

Denn viele Gäste sind nervöser als man denkt. Der eine erleidet einen Zusammenbruch, ein anderer verirrt sich, einer versteckt sich. Das ist alles schon vorgekommen. Heute, am Eröffnungstag, ist es wichtig, dass von all der Arbeit hinter den Kulissen nichts zu sehen sein wird. Zeit, um selbst ins Kino zu gehen, habe ich kaum. Vielleicht mal am letzten Abend, aber auch da nur mit einem hummeligen Gefühl im Bauch, weil ich ja weiß, dass danach wieder ein Filmteam betreut werden muss. Wenn ich während der Berlinale auf vier Stunden Schlaf pro Nacht komme, dann ist das schon viel. Aufgezeichnet von Philipp Lichterbeck

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