• Mit seiner "Walküre" setzt das Theater Magdeburg Maßstäbe - zumindest in Sachen Richard Wagner

Kultur : Mit seiner "Walküre" setzt das Theater Magdeburg Maßstäbe - zumindest in Sachen Richard Wagner

Jörg Königsdorf

Den Tugendbonus der Bescheidenheit hat Magdeburg schon im Voraus sicher: Wo landauf, landab Kleinbühnen von Augsburg bis Meiningen zyklische Aufführungen von Wagners "Ring"-Tetralogie projektieren, begnügt sich das Opernhaus der Landeshauptstadt mit einer "Walküre". Nach inzwischen fast ausgestorbener Stadttheater-Sitte - nur Oldenburg hatte in den letzten Jahren mit einer isolierten Inszenierung der "Götterdämmerung" ähnlichen Mut zur Selbstbeschränkung gezeigt. Einen Mut, der sich nicht einmal so sehr gegen den Verdacht des Nicht-schaffen-Könnens stemmen muss, sondern auch gegen den einer impliziten Werkverkleinerung: Denn wer nur ein "Ring"-Teilstück inszeniert, macht sich verdächtig, die nur im Zyklus erfahrbare Großdimension des Gesamtwerks zu opfern - ein Viertel Brücke reicht eben nicht über den Fluss. Dachte man lange und denkt man vielerorts immer noch. Erst langsam scheint auf dem Schuttberg etlicher halbgelungener Voll-"Ringe" die Erkenntnis Wurzel zu schlagen, dass der Zwang, ohne szenische Querverweise und Requisitenverkettungen einen einzelnen "Ring"-Abend schlüssig zu erzählen, kein Bedeutungsverzicht sein muss: Der im Werden begriffene Stuttgarter "Ring" geht mit seiner Aufteilung unter vier Regisseure de facto den selben Weg.

Was also kommt heraus, wenn man die "Walküre" als Oper eigenen Rechts und nicht als Teilstück einer weltgeschichtsumspannenden Allegorie erzählt? In Magdeburg auf den ersten Blick wenig Spektakuläres: Bühne und Kostüme werden zwar ästhetisch auf Robert-Wilson-Stand gebracht, doch ohne Verfremdungen, die über den Radius des wagnerschen Textes hinausgehen. Erwin Fischers Einheitsbühnenraum ist leer, allein eine umgitterte Wendeltreppe führt zum Schnürboden empor und fungiert sowohl im ersten Akt als Weltesche wie als Zugang zur Götterwelt. Später, zum Walkürenritt, wird noch ein käfigartiger Fahrstuhl hinzutreten, mit dem die Wotanstöchter die schlachtgefallenen Erdlinge transportieren. Ansonsten ist ein Gott hier ein Gott und ein Brustpanzer ein Brustpanzer.

Erzählt wird die traurige Geschichte des Zwillingspaares Siegmund-Sieglinde, ihres Vaters Wotan und der Maid Brünnhilde, im Zentrum stehen diese vier ineinander verwobenen Schicksale, ohne dass Regisseur R. Christian Kube den Versuch machen würde, die Handlung zur Historienparabel aufzublasen oder zum naiv unterhaltenden Märchen-Bilderbogen zu verharmlosen. Dass aus dieser Reduzierung auf die menschliche Individualperspektive eine "Walküre" von faszinierender Eindringlichkeit und künstlerischer Geschlossenheit entsteht, ist ein Resultat, an dem Regie, Dirigat und Sängern gleichermaßen beteiligt sind. Dabei ist das Geheimrezept dieser Ausnahme-Aufführung denkbar einfach: Alle folgen dem Grundgesetz strengster Ökonomie der Mittel. Kube arbeitet mit einer feinen, fast asketischen Personenregie: Das Wälsungenpaar agiert fast statisch, nähert sich einander selbst im Erkennensrausch des "Blühe denn, Wälsungenblut" noch fast keusch. Fast der ganze Akt ist ein erst schüchternes, dann zusehends zärtlicheres Tasten, das durch Blicke und kleine Gesten geschärft wird. Magdeburgs Generalmusikdirektor Christian Ehwald dirigiert sein - vor allem in den Streichern erstklassiges - Orchester kammermusikalisch zart, in Tempi und Lautstärke zurückgenommen, respektiert mit sensiblen dynamischen Abstufungswerten das Andeutungshafte der Szene. Und trägt damit die Sänger, die bei einem massiv auftrumpfenden Orchesterapparat wohl heillos verloren wären. Da ist der Siegmund von Ulric Andersson, ein lyrischer Tenor, der sich bislang noch nicht weiter als bis zum Don José in Bizets "Carmen" vorgewagt hatte. Einer, der zwar die Reserven für seine "Wälse"-Rufe besitzt, doch kein vokaler Kraftmeier. Wie seine Sieglinde Anita Bader nutzt er jede Gelegenheit zum pianissimo, beide bauen ihre Figuren ganz aus der Anfangssituation von Resignation und Entkräftung auf - ihr liebebedingtes Erstarken und Aufbäumen wird so ganz unmittelbar emotional nachvollziehbar. Allein dieser erste Akt ist ein kleines Wagner-Wunder, schon deshalb, weil man wirklich einmal jedes Wort versteht, die musikalischen Akzentuierungen den Text behutsam unterstreichen, statt ihn zuzudecken.

Und doch entwickelt diese "Walküre" ihre Sogkraft erst mit dem Fortschreiten von Akt zu Akt, aufgrund ihres verhaltenen Starts können Kube/Ehwald dort noch zulegen, wo andere Aufführungen schon längst am Ende ihres Ausdrucksspektrums angelangt sind. Wie schwach und fragil das Menschenpaar des ersten Aktes war, wird so im Nachhinein noch durch den (immer kontrollierten) vokalen Krafteinsatz der Götter bekräftigt: durch Undine Dreissigs hochattraktive, leidenschaftlich zornige Fricka, durch den bei aller bassbaritonalen Autorität innerlich gebrochenen Wotan von Urs Markus und die herrlich kraftvolle Brünnhilde von Maria Russo. Da spürt man in den grandios geschmetterten "Hojotoho"-Rufen den Übermut und ahnt doch zugleich schon das dominierende Format, das ihr im Laufe des Rings zuwachsen wird. Das ist, bis in die unbekümmert auftrumpfenden (und durchaus differenziert charakterisierten) Walkürenriege ein Wagnererlebnis, wie es selbst die renommiertesten Opernbühnen nur in ausgesuchten Glücksmomenten schenken können.Wieder am 3. Oktober um 17 Uhr.

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