Kultur : "Mit Staunen und Zittern": Lotosblütenträume: Amélie Nothombs japanischer Blick

Aygül Cizmecioglu

"Stelle deine Würde unter die Wünsche deines Herren!", lautet eine alte Geisha-Regel. Sie gilt für jene zierlichen japanischen Frauen mit blass geschminkten Gesichtern, die sich zum Spielball männlicher Wünsche machen. Dass sich eine junge emanzipierte Frau aus dem Westen für diesen Chauvinismus hergeben könnte, scheint fast unmöglich. Amélie Nothomb, das enfant terrible der europäischen Nachwuchsautoren, ist da anderer Meinung und macht es uns in ihrem autobiografisch angehauchten Roman "Mit Staunen und Zittern" vor. Die Protagonistin ist keine Kimono tragende Japanerin, sondern eine Dolmetscherin aus Belgien - und der Ort ihrer Unterwürfigkeit, fernab vom ehelichen Zuhause, die 44. Etage eines japanischen Unternehmens.

Ein Jahr verbringt "Amélie-san" dort, 365 Tage im Neonlicht eines Großraumbüros . Was als Auffrischung ihrer japanischen Kindheitserinnerungen gedacht war, wird für die junge Frau zur Prüfung. Sie soll Kopien machen, die im Mülleimer landen, Briefe verfassen, die keiner lesen will und am Ende die Sprache vergessen, die sie sich mühsam beigebracht hat. "Ich durchforschte die Geologie meines Gehirns nach einer Schicht, die der Amnesie günstig wäre", gibt sie halb tragisch, halb komisch zu, um mit der Absurdität ihrer Situation fertig zu werden. Während sie nach außen hin in "wohligem Stumpfsinn schwelgt", fantasiert sie von einer homoerotischen Beziehung zu ihrer Vorgesetzten Fubuki.

Die große Schönheit mit der "Anmut einer japanischen Nelke" wird der ästhetische Anziehungspunkt in Amélies tristem Leben. Während sie sich über lange Zahlenkolonnen beugt, fährt sie im Geiste durch Fubukis schwarz glänzende Haarpracht, und über dem Gedanken an Fubukis Wimpern werden die dicken Rechnungsbücher schwerelos. Dass sich hinter soviel Vollkommenheit eine karrieresüchtige Denunziantin verbirgt, liegt in der Logik des Romans. Das japanische Unternehmen wird im Laufe der Handlung zur Folterstätte stilisiert, in der alle Demütigungsformen ihren Ort haben. Die Autorin verpasst es in ihrem Eifer, die asiatische Hierarchiehörigkeit zu entlarven. Die einstige japanische Kriegsbruderschaft dient ihr ebenso wie die scheinbare japanische Verachtung des Westens als Indikator für die Bösartigkeit im Land der aufgehenden Sonne. Ihre von bissiger Ironie durchzogene Sprache verdeckt das jedoch hinter einem Schleier aus Komik. "Wie allgemein bekannt, ist Japan das Land mit der höchsten Suizidquote. Mich wundert daran nur, dass die Selbsttötung nicht noch häufiger ist", sagt die Protagonistin lakonisch, kurz bevor sie die Feingliedrigkeit von japanischen Zedern und Menschen lobt.

Bei all diesen subversiven Gedankenkapriolen und Klischeetiraden fragt man sich, warum die arme, kleine Europäerin nicht den Lappen schmeißt und in den nächsten Flieger gen Europa steigt. "Ich durfte mein Gesicht nicht verlieren", scheint zwar als Zeichen einer kulturellen Integrationbereitschaft plausibel zu sein, doch angesichts der Demütigungen unverständlich. Diese Widersprüchlichkeit teilt Amélie letztendlich mit Nietzsche, dessen leicht abgewandelten Aphorismen ihr die letzten Arbeitstage als Klofrau erleichtern: "Wenn die Apokalypse sich vollzogen hat, werden die großen Städte nur noch Wälder von Kloschüsseln sein." Amen.

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