Kultur : Mit vollen Segeln gen Himmel

Wuchtig und grandios: Opernberserker Calixto Bieito inszeniert den „Fliegenden Holländer“ in Stuttgart

Jörg Königsdorf

Und am Ende kriegen sie sich doch. Wenn nach mehr als zwei furiosen Stunden nur noch Jammer, Irrsinn und Verzweiflung auf der Bühne der Stuttgarter Staatsoper zu herrschen scheinen, lässt Calixto Bieito die zarte Pflanze Hoffnung blühen: Zu den lakonischen Schlussakkorden, mit denen Wagner selbst in der Urfassung seines „Fliegenden Holländers“ das Schicksal seines Helden besiegelte, dürfen Senta und ihr Seemann zueinanderfinden – und die verklärende Aureole mattgoldenen Lichts, die sie in diesem Moment umgibt, bekräftigt, dass einzig die Liebe tauglich ist, die Menschheit zu erlösen.

Nun ist ein Happy End nicht gerade das, was man von Calixto Bieito erwartet hätte: Spätestens seit seiner legendären „Entführung“ gilt der katalanische Theatermann als der Schrecken des deutschen Opernpublikums. Als notorischer Schwarzmaler, dem die Stücke Mozarts, Verdis und Puccinis nur als Anlass dienen, seine düster-katholische Weltsicht einer in der Erbsünde gefangenen Menschheit in immer neuen Varianten zu präsentieren. Und vermutlich hatten sich nicht wenige Zuschauer schon davor gefürchtet, dass der gnadenlose Opernberserker nun auch auf Richard Wagner losgehen würde.

Allerdings ist der „Holländer“, zumal in der Dresdner Urfassung von 1841, die wohl bestmögliche Wahl für Bieitos Wagner-Einstand: Bitterer, resignierter als hier klingt Wagner später nie wieder, nirgends ist sein Menschenbild so von Abscheu und Überdruss gezeichnet wie in den Schilderungen des rohen, geldgierigen und dummen Seefahrervolks. Und nirgends ist der Ton, den er anschlägt, unwirtlicher: Die begütigenden Streichinstrumente, mit denen Wagner später das Leid zur Lust macht, haben hier noch kaum etwas zu sagen, kühl und hart wie ein Nordwind bestimmen die Bläser das Geschehen, grollt die Pauke wie ein fernes Echo kommender oder vorübergegangener Gewalt.

Für diese harsche Gesellschaftsbilanz, die Enrique Mazzola mit dem Stuttgarter Opernorchester mit messerscharf artikulierter lakonischer Mitleidlosigkeit und fabelhafter Balance aus dem Orchestergraben herausklingen lässt, hat Bieito natürlich das richtige Sensorium und auch ein an etlichen Verdi-Arbeiten erprobtes Instrumentarium. Schon zum tosenden Aufruhr der Ouvertüre zeigt er schattenhaft die Spirale männlicher Gewalt, die sich von Generation zu Generation weiterwindet: Der Missbrauch des Mädchens Senta durch den Vater, ihre an die Glasscheiben geschmierten Hilferufe.

Doch anders als bei früheren Bieito-Arbeiten, deren Schockwirkung sich durch allzu konkreten Realismus oft wieder relativierte, geht der Katalane diesmal den entscheidenden Schritt weiter und weitet seinen Stoff ins Gleichnishafte. Das Schiff von Sentas Vater Donald (fies: Attila Jun) ist ein Schlauchboot voller neurotischer Börsianer, die gerade auf Grund gelaufen sind, der Steuermann ein Rolf-Eden-Typ in weiß, der die Truppe als dämonischer Conferencier mit seiner Peitsche antreibt und ihr drei puschelbewehrte Crazy Horse Girls zur Motivationssteigerung präsentiert.

Verdammt in alle Ewigkeit sind alle diese Gestalten, die sich an den stählernen Bühnenwänden (Susanne Gschwender, Rebecca Ringst) entlangdrücken. Und zum Untergang verurteilt ist auch die Gesellschaft, die sich allein durch die Droge Geld am Leben hält und die im dritten Akt erbärmlich in den Irrsinn abdriften wird, als ihr aus dem Geisterchor der Holländermannschaft das Zerrbild des eigenen Daseins entgegendröhnt.

Ein apokalyptisches Szenario, in dem der Holländer von Yalun Zhang aufragt wie ein Fels in der tosenden Brandung. Der Chinese ist sicher kein begnadeter Darsteller (und singt nicht unbedingt präzise), und doch besitzt er eine brütende Präsenz, die ihm Glaubwürdigkeit verleiht: Man nimmt diesem Menschen ab, dass er bisher genauso als Banker funktioniert hat wie seine Kollegen, aber auch, dass er störrisch wie ein Ochse einfach stehen bleibt, nachdem er einmal erkannt hat, dass es so nicht weitergeht.

Gerade diese Kompromisslosigkeit vereint diesen Anti-Traummann mit der geschundenen Kapitänstochter, der Barbara Schneider-Hofstetter die großen Töne einer starken Seele, aber auch eine angesichts ihrer eher tristen Lebenserfahrungen umso ergreifendere Offenheit verleiht. Es ist denn auch keine Liebe im opernhaften Sinn, die Senta schon beim ersten Blick in die Arme dieses Mannes treibt, sondern eher eine intuitive Erkenntnis, dass mit diesem Mann zusammen eine Zukunft ohne Gewalt und Erniedrigung möglich wäre.

Ganz anders ist das beispielsweise mit ihrem Anbeter Georg (Lance Ryan), der letztlich viel zu schwach ist, um die von klein auf anerzogene Gewalttätigkeit abzuschütteln: Am Ende, wenn er miterleben muss, wie Senta und der Holländer zueinanderfinden, wird er wie ein Amokläufer auf der Bühne umherrennen und nach einem Ventil für seine Aggression suchen. Ein Opfer auch er, ähnlich wie die Aufseherin Frau Mary (Hilke Andersen), deren harte, burschikose Fassade am Ende so schlaff und knitterig wird wie ein Segel bei Windstille.

Und ganz zum Schluss wird sich alle Aufmerksamkeit noch einmal auf einen gekreuzigten Banker richten, der im Holländer-Boot gen Himmel gezogen wird. Die alte Welt kracht mit Getöse in sich zusammen, damit eine neue entstehen kann. Und Calixto Bieito hat zur Gnade Gottes gefunden.

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