Kultur : Mit vollen Segeln

Wohin wachsen die Berliner Galerien? Eine Hetzler-Ausstellung zeigt Größe

Ulrich Clewing

Max Hetzler war auch in diesem Jahr auf dem Berliner Art Forum nicht dabei. Der Schwergewichtler unter den Berliner Galeristen hatte einfach zu viel zu tun. Er organisierte nämlich seine eigene kleine Messe, die er am Tag vor der Art-Forum-Vernissage eröffnete, in einer 1800 Quadratmeter großen Halle im obersten Stockwerk der Osramhöfe im Bezirk Wedding.

„Carbonic Anhydride“ (CO2) nennt sich die Unternehmung, und was die Galerie da unter dem Label „Max Hetzler Temporary“ präsentiert, hat tatsächlich viel von einem Messestand, nur dass dieser alle Dimensionen sprengt. 17 Künstler – fünfzehn davon aus dem regulären Galerieprogramm, nur zwei, Terry Haggerty und Shannon Bool, wurden als Gäste dazu geladen –, sind bei „Carbonic Anhydride“ vertreten. Berührungspunkte gibt es kaum. Eine typische Messesituation also, allerdings mit dem Unterschied, dass in dem spärlich, aber geschickt eingerichteten Loft riesige Formate möglich sind, wie der fünf Meter große Deckenventilator von Darren Almond, der allein schon eine normale Koje füllen würde. Und das ist nur eine große Arbeit von vielen: Terry Haggertys schwebend-dynamisches, an einen elektronischen Schaltplan erinnerndes Wandgemälde in Rot und Weiß ist zwar in variablen Abmessungen zu bekommen, hier jedoch immerhin geschätzte fünf Meter hoch und fünfzehn Meter breit (alle Preise auf Anfrage).

Selbst drei stattliche Gemälde von Frank Nitsche haben noch eine Menge freier Wandfläche um sich herum – was ihnen gut tut. Gegenüber hängen zwei abstrakte Reliefs von Haluk Akakce. Die Vorliebe von beiden für ungegenständliche, konkrete und gleichzeitig auch immer irgendwie architektonisch wirkende Kompositionen ist einer der wenigen Momente, in denen in dieser Ausstellung so etwas wie eine erhellende Wechselbeziehung entsteht. Die übrigen Werke bleiben Solitäre: Von Kara Walker ist ein animierter Scherenschnitt mit Südstaaten-Grausamkeiten zu sehen, der Art Brut-Wiedergänger André Butzer porträtiert einen gewissen „H.H.“ und eine Frau „A.L.“ in farbenfroher Geisterbahnmanier, Ulrich Lamsfuß zeigt ein irreal beleuchtetes Gemüsestillleben und einen Totenschädel, dem eine rote Peperonischote ziemlich obszön in der Nasenhöhle steckt.

Der 1970 in Bahia geborene Brasilianer Marcos Reis Peixoto, der sich nur Marepe rufen lässt, formte aus ordinären Plastikeimern einen großen Ball, der von weitem an eine exotische Blüte erinnert. Sein Landsmann Ernesto Neto ist mit einer amorphen Textil-Plastik präsent, auf die er fünf zusammengerollte Frauenstrümpfe gelegt hat, die er „O Mundo e o Mundo“ nennt. Außerdem befinden sich hier noch Arbeiten von Won Ju Lim, Sarah Morris, Vera Luther und Thomas Struth, von Yves Oppenheim, Mona Hatoum und Arturo Herrera: eine sehenswerte Ansammlung, aber eben auch nicht mehr als das.

Möglich, dass diese Ausstellung einen Trend markiert. Auf jeden Fall scheint sie ein neues Entwicklungsstadium der Berliner Galerien abzubilden. Eine individuelle Mini-Messe in eigener Sache; aufwendige Ausstellungen, die – wie zuletzt etwa bei Mehdi Chouakri – von Künstlern kuratiert werden; große Künstlerproduktionen an städtischen Theatern und Kunsthallen, die unter deren Flagge segeln, aber von den Händlern der agierenden Künstler finanziert werden: Der Erfolg der letzten Jahre und die damit verbundene Kommerzialisierung der Galerieaktivitäten lassen die Großen des Geschäfts immer virtuoser auf der Klaviatur des Kunstmarketings spielen. Max Hetzler ist dabei einer der Vorreiter. So zeigte er im letzten Jahr eine Ausstellung mit Arbeiten von Albert Oehlen. Die meisten Gemälde stammten aus den Achtzigern und waren unverkäuflich. Aus einem schlichten Grund: Sie waren längst verkauft und lediglich als Leihgaben wieder in der Galerie, um zwei Werke neueren Datums angemessen zu flankieren.

Die Zeiten, in denen man in einer Galerie zwangsläufig den dazugehörigen Galeristen antreffen konnte, sind in diesen Kreisen unwiderruflich vorbei. Ein halbes Dutzend Messeteilnahmen und mehr pro Jahr, ein zweiter oder sogar dritter Showroom neben der eigentlichen Stammgalerie, das sind Bedingungen, die eine paradoxe Lage schaffen: Die Präsenz nimmt in dem Maß zu, in dem auch die Anonymität steigt.

Max Hetzler Temporary, Oudenarder Straße 16-20, bis 11. November, Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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