Kultur : Mit voller Wucht

Eine Liga für sich: Die Rolling Stones beweisen im Berliner Olympiastadion, dass sie einfach die Größten sind

H. P. Daniels

Freitag, 20 Uhr 45, Olympiastadion. Eines heißen Tages Abend. Krawumms. Ein größerer Knall. Und drei dünne Rauchsäulen über der Bühne. Eines heißen Abends Anfang: „Ladies and gentlemen: The Rolling Stones!“ Charlie Watts setzt sich hinters Schlagzeug. Tosender Jubel. Alle lieben Watts. Dann die anderen. Ronnie Wood und Keith Richards mit ruppigen Gitarrenriffs. Und da kommt Mick Jagger angeturnt, im seidigen Flatterhemd, mit freiem Teenager-Waschbrett-Bauch. „I was born in a crossfire hurricane!“ Und ist voll da mit dem ersten Ton: „Jumping Jack Flash, it’s a gas, gas, gas!“ Die Stones geben Gasgasgas. „It’s only Rock’n’Roll!“ Es ist eine Freude.

The Rolling Stones. Drei Wörter. Magische Formel seit über 40 Jahren. The Rolling Stones lieferten den Soundtrack zum Aufruhr in den sechziger Jahren. „I can’t get no satisfaction.“ 1965. Die Stones kommen zum ersten Mal nach Deutschland. „Bravo Blitztournee“: Münster, Essen, Hamburg, München. Wasserwerfer, Polizei, Randale. In Berlin geht die Waldbühne zu Bruch.

Es brodelte. In den Köpfen, in der Gesellschaft, zwischen den Generationen. Nein, so wie diese Alten, diese Spießer, so wollte man nicht werden! „I can’t get no satisfaction … oh no, no, no!“ Sie hassten die Stones, die langen Haare, die „Negermusik“, den Krawall. Dafür liebten wir die Stones umso mehr, „unsere Stones“. Mit ihrem ungestümen Lärm, dem Grummeln von klirrenden elektrischen Gitarren, rumpelndem Bass und treibendem Schlagzeug. Und diesem unglaublichen Gesang, dicklippig, aggressiv, arrogant.

„Let’s spend the night together“, singt Jagger heute in dieser heißen Nacht für Zehntausende im nicht ganz gefüllten Berliner Olympiastadion. „Now I need you more than ever.“ „Ach“ seufzt ein enthusiastischer Endfünfziger, „mehr denn je, mögen uns die Stones noch lange erhalten bleiben. Sie würden uns sehr fehlen!“

„I tell you, it’s really wonderful to be back in Berlin!“ umgarnt Mick die verzückten Fans. Und dass sie den nächsten Song heute zum ersten Mal in Berlin spielten: „Sway“. „Stimmt das wirklich?“ fragt ein Experte, „haben sie das noch nie in Berlin gespielt?“ Ein Song vom 71er Album „Sticky Fingers“ – wunderbar! Und alle sind in Trance, im Fieber.

Seit 1965 war es wie ein Fieber. Bei jeder neuen Platte: Single, LP, schwarzes Vinyl. Vorsichtig die Nadel absenken, leichtes Knistern, Rumpeln, Anspannung – wie ist die neue Platte? Ah, die Stones, immer noch unsere Stones: „This could be the last time, maybe the last time I don’t know!“ Keiner wusste, wann das letzte Mal sein würde. Welche Platte, welches Konzert? Welche Tournee? 1965, 67. Es ging immer weiter. Nachdem der Stones-Gründer Brian Jones 1969 im Swimmingpool ertrunken war. Nachdem beim Desaster von Altamont „Hell’s Angels“ vor der Bühne einen jungen Mann erstochen hatten. 1970, 82, 90. Nachdem Bassist Bill Wyman 1994 die Stones verlassen hatte. 1995. Plötzlich kein Vinylknistern mehr: Compact Disc, das blöde Format, an das man sich erst gewöhnen musste. Trotzdem ging es weiter. Auch nachdem Keith Richards in seiner Bibliothek von der Leiter gefallen war. 1999, 2003.

Und immer größer, bombastischer, aufwändiger sind die Konzerte geworden. Riesenstadien, monumentale Bühnen: Stahl und aufblasbares Zeug. Gigantisch. Und Eintrittspreise über 100 Mark, was die Begeisterung alter Fans gedämpft hat. Aber dann waren die Stadien doch wieder voll bis zum Bersten. Neues Stones-Fieber. Immer wieder. Vor einer neuen Platte, vor einem weiteren Konzert.

2005 ist es wieder gewaltig gestiegen: mit dem fabelhaften Album „A Bigger Bang“, der besten Stones-Platte seit Jahren. Blues, Rock’n’Roll und melancholische Balladen. Schmutzige Gitarren. Und Jaggers knatternd wehender Gesang, besser denn je.

Auch jetzt in Berlin. „We do something really romantic for you.“ Mick lässt die Stimmbänder flattern in der milden Abendluft: „Streets Of Love“. Ein tiefes Seufzen im Stadionrund. Und als Hommage an Ray Charles spielen sie „The Night Time Is The Right Time“: voller Blues und tiefer Seele.

In letzter Zeit hatte man ja immer wieder ein bisschen Angst um die Stones. Als Keith Richards erneut stürzte, diesmal angeblich von einer Palme, und ins Krankenhaus musste: gefährliche Kopfoperation. Würde er danach noch spielen, noch mal auf eine Bühne gehen können? Etliche Konzerte wurden abgesagt. Schwieriger Vorverkauf; die Eintrittspreise stiegen in schwindelerregende Höhen. 100 bis 200 Euro. Viele wollten oder konnten das nicht mehr zahlen. Trotz Stones-Fieber.

Der 65-jährige Charly hatte eine schwere Krebsoperation. Und Ronnie musste auf Entzug, nach einem weiteren Rückfall in den Alkohol. Würden die Stones jetzt alles absagen? Wäre es vorbei? Endgültig: Bye-bye Stones?

Aber dann sind sie doch wieder da. Und das Fieber mit ihnen. Mailand, Wien, München, Hannover.

Und jetzt in Berlin zeigen sie es noch einmal allen. Was für eine grandiose Band sie sind. Der Sound im Stadion ist erstaunlich gut. Gitarren ganz vorne im Mix. Und Jaggers makellose Stimme, immer auf dem Punkt, auf der Note, auf dem Beat, auf der Höhe. Auch wenn er dabei über diverse Laufstege joggt, ständig in Bewegung, zappelnd, hampelnd, mit fast 63 Jahren. Ja, „Let’s spend the night together.“ Und „das Lied von eine deutsche Magdschen“: „Angie“. Der Song, den die Stones der CDU untersagt hatten zu spielen, im Wahlkampf für Angela Merkel.

Und sie wechseln die Hemden wie die Gitarren. Keith und Ronny befeuern sich gegenseitig mit Licks, Riffs und Solos. Wüst und verzerrt. Eine Rebellion gegen das Älterwerden, die Krankheiten, die Unbilden des Lebens. Keith beglückt seine Fans mit zwei Solo-Songs und wirkt mit seinem ledrigen Gesicht und dem verwegenen roten Stirnband wie der Fluch der Karibik. „I better walk before they make me run.“

Leider spielen sie nur drei Songs vom neuen Album, sonst überwiegend alte Gassenhauer. „Honky Tonk Woman“, „Sympathy For The Devil“. Doch egal, wie oft man das schon gehört hat, heute klingt alles wieder frisch und aufregend. „Yeah, yeah, yeah – huuuh!“ kreischen die Fans im Fieber und werfen die Arme in die Höhe. Die Alten und erstaunlich viele Junge, die lange noch nicht geboren waren, als die Stones zum ersten Mal in Deutschland auftraten. Und mit voller Wucht, aber auch lässig und cool lassen die Stones zwei rasante Stunden lang gefeierte junge Bands wie The Strokes, Arctic Monkeys, White Stripes etc. furchtbar alt und lahm aussehen.

Die Stones sind unschlagbar, sie spielen in ihrer eigenen Liga. Und sie waren, sind und bleiben die größte Rock’n’Roll-Band aller Zeiten.

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