Kultur : Mit Zigarette

„Kunst und Kanzler“ in der Villa Grisebach

Bernhard Schulz

Gerade hat Ex-Kanzler Gerhard Schröder sein von Jörg Immendorff gemaltes Porträt in die Hände der Nachfolgerin für die Bildergalerie im Kanzleramt gegeben. Quasi zur Begleitung richtet die Villa Grisebach mit „Kunst und Kanzler“ eine anregende Ausstellung aus, die den verkaufsarmen Sommer überspielen soll. Sie verrät die Handschrift von Christoph Stölzl, dem früheren Direktor des Deutschen Historischen Museums und jetzigen Mitgeschäftsführer der Villa Grisebach. Und man ahnt, dass er diese Ausstellung wohl lieber im Kanzleramt inszeniert hätte.

Staats- und Herrscherporträts, einst eine zentrale Aufgabe der Kunst, sind heute eher an den Rand gerückt. Die Bildergalerien von Rathäusern und Ministerien bieten den traurigen Anblick des Pflichtgemäßen, nicht des Gelungenen. Aufmerksamkeit entfachen allenfalls die Kanzlerbildnisse. „Wirklichkeitsnähe“ fordert Volkes Stimme – und meint die Abbildhaftigkeit der Fotografie.

Die große Skulptur, die Rainer Fetting von Willy Brandt für die nach dem verstorbenen Kanzler benannte SPD-Parteizentrale geschaffen hat, irritiert noch immer. Sie ist kraftvoll – und subjektiv. Erstaunlich, dass sich ein einstmals junger Wilder wie Fetting an Politiker gewagt hat. In der Villa Grisebach sind gleich sieben Variationen einer Helmut-SchmidtBüste zu sehen, dazu Gemälde des überaus selbstbewussten elder statesman. Die Zigarette in der linken Hand wird unter Fettings Zugriff zum Herrschersymbol gleich einem früheren Marschallstab. Bei Andy Warhol, der Willy Brandt gleichfalls mit Zigarette gesiebdruckt hat, wirkt das Raucherattribut hingegen cool: der Kanzler als Popstar.

Die Fotografie dominiert – höchst artifiziell, aber symbolkräftig wie bei Helmut Newtons Kohl-Porträt als knorrige Eiche, nüchtern realistisch wie bei Herlinde Koelbls Langzeitstudie „Spuren der Macht“, die hier mit den Reihen zu Angela Merkel und Gerhard Schröder vertreten ist. Von 1991 bis 2006 ist es ein langer, an den zunehmend durchfurchten Gesichtern ablesbarer Weg.

Der Kanzlerbildner schlechthin ist Konrad R. Müller. Seine Aufnahmen – von Adenauer an – verleihen den Porträtierten jene Aura, die der Politik in der Mediendemokratie immer mehr abhandengekommen ist. Und die das Publikum, bei allem Voyeurismus, doch so ersehnt. Bernhard Schulz

Villa Grisebach, Fasanenstr. 25, bis 19. August. Di. bis Fr. 10–18.30, Sa. 11–16 Uhr

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