Kultur : Mitgehangen, mitgefangen

Bernhard Schulz

Dass Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sich ausgerechnet in der Cafeteria des Reichstagsgebäudes ablichten lässt, hat natürlich seinen Hintersinn: Da hängt nämlich das großformatige Gemälde des Leipziger Malers und DDR-"Nationalpreisträgers", Bernhard Heisig, mit dem Titel "Zeit und Leben". Thierse, der einzige Politiker von Rang, der der Bundesrepublik auf Dauer aus der DDR erwachsen ist, steht weder im Verdacht, sich seiner früheren Landsleute gluckenhaft anzunehmen, noch umgekehrt die Biografie eines DDR-Lebens pauschal zu verdammen. So mag allein durch seine Person der Streit zur Ruhe kommen, der eine Zeit lang auch um die Ausgestaltung des Reichstagsgebäudes getobt hatte.

Thierses Vorgängerin, Rita Süssmuth, hatte sich den Umbau des Reichstages und dessen Dekoration zu ihrer Herzensangelegenheit gemacht. Ihr standen der aus elf Abgeordneten gebildete Kunstbeirat des Bundestages zur Seite wie auch für die unterschiedlichen Bundestags-Bauvorhaben eine Reihe von externen Sachverständigen. In der Auswahl dieser Berater waltete eine gewissermaßen westdeutsch geprägte Vorsicht: So wurde für den Reichstag Götz Adriani bestimmt, der seit vielen Jahren erfolgreich die Kunsthalle Tübingen leitet, sowie die frühere Mühlheimer Museumsdirektorin und jetzige Kasseler Professorin Karin Stempel. Allein für das Paul-Löbe-Haus fand sich mit Klaus Werner ein (dissidentischer) Ostdeutscher, der sich gegen den gewieften Düsseldorfer Kollegen Armin Zweite (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen) wohl nicht recht durchzusetzen vermochte.

Aber das ist nun Schnee von gestern - die Kunstwerke sind installiert und werden weithin wahrgenommen. Um die sichtbarsten Plätze im mit Abstand öffentlichsten aller Bundestagsbauten, dem Reichstag, gab es naturgemäß einiges Gerangel. Einen frühen Konflikt löste die Auswahl Bernhard Heisigs aus, dessen Breitwandbild nun gerade einen der kommunikativsten Räume des Hauses ziert. Nicht ganz harmonisch ging es auch in der Auswahl der künstlerischen Repräsentanten der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs zu, die an diesem hochsymbolischen Ort gemeinsam mit deutschen Künstlern vertreten sein sollten; und eine letzte und höchste Aufwallung rief schließlich das Vorhaben des seit Jahrzehnten in New York lebenden Kölners Hans Haacke vor, der im nördlichen Lichthof seinen Erdtrog "Der Bevölkerung" installierte und damit erstaunlicherweise Abgeordnete aller Parteien gegen sich aufbrachte.

In einem Buch, das sich der Deutsche Bundestag jetzt zum Abschluss seines Kunst-am-Bau-Programms spendiert hat, finden diese Scharmützel nur ganz dezent Erwähnung. "Kunst im Reichstagsgebäude" heißt der Band nüchtern und zutreffend, denn in der Tat versammelt er auf über 200 Bildseiten alles, was an Aufträgen für den Reichstag geschaffen oder als wichtiger Ankauf zusätzlich im Gebäude untergebracht wurde. Man könnte die Namensliste der in dem Buch vertretenen 25 Künstler als ästhetisches Bekenntnis der vereinten Bundesrepublik lesen, wüsste man nicht um die genaueren Umstände ihres Zustandekommens. Den Vorwurf - den seinerzeit unter anderem Heisig erhoben hatte -, ostdeutsche Künstler kämen zu kurz, wird man nicht bestätigt finden - der Beirat glich auf dem Wege der Nachnominierung aus, dass er sich bei der Erstauswahl von westdeutschen Koryphäen wie Gerhard Richter, Sigmar Polke oder Georg Baselitz einäugig gezeigt hatte. So kam beispielsweise auch noch Hermann Glöckner zu Ehren, der bereits 1987 im Alter von 98 Jahren verstorben ist und dessen Werk bereits beim Bonner Plenarsaal-Neubau für die nicht-angepasste DDR-Kunst stehen sollte.

Im Anhang erläutern Adriani und Stempel das Auswahlkonzept. Für den Reichstag sollten "Werke deutscher Künstlerpersönlichkeiten berücksichtigt werden, deren µuvre der deutschen Kunst internationales Renommee verliehen und die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst nachhaltig beeinflusst hat". Dieses Kriterium ist zweifellos erfüllt worden - der Punkt war eben nur, wie genau etwa das "internationale Renommee" zu messen ist. Mit den Maßstäben des westlichen Kunstmarktes? - Wolfgang Thierse als Hausherr des Reichstages steht dafür, dass mit dem im vorliegenden Buch dokumentierten Verschönerungsprogramm zumindest kein abschließendes Urteil in der deutsch-deutschen Kunstdiskussion gefällt worden ist.

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