Kultur : Mitläufer mit Sonderauftrag Kunstagent für Hitler:

Wer war Hermann Voss?

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Auf Seite 324 versteckt sich eine hochinteressante Information: Hermann Voss, „Sonderbeauftragter des Führers“ für den von 1943 bis 1945 stattfindenden „Sonderauftrag Linz“ , war „nie Mitglied der NSDAP“. Einer der wichtigsten Kunstagenten Hitlers, beauftragt mit dem Aufbau des geplanten „Führermuseums“ für Linz, des „Alterssitzes“ Hitlers – war also kein „Pg.“? Robert Oertel, sein Kustos an der Dresdener Gemäldegalerie, deren Direktor Voss gleichfalls 1943 wurde, war es dagegen sehr wohl. Oertel versuchte sich 1945 durch ein Gutachten rechtfertigen, demzufolge er „eine viel zu vornehme, klardenkende Natur“ war, „um sich jemals mit den Zielen der NSDAP zu identifizieren“.

Es wäre spannend zu erfahren, warum durchaus nicht alle Amtsträger Parteigenossen sein mussten. Leider klärt Kathrin Iselt, die Autorin einer 516-seitigen Dissertation zu Hermann Voss (1884–1969) nicht explizit. Iselts Studie gehört in den Komplex der im Fach Kunstgeschichte in Mode gekommenen Institutionengeschichte zum NS-Regime. Man könnte von einem Paradigma sprechen, das seit einigen Jahren zahllosen Nachwuchswissenschaftlern Arbeit und Stipendien verschafft. Die Kernthemen zum „Führermuseum“ sind allerdings bereits gut erarbeitet, vor allem durch Birgit Schwarz, die den vollständigen Katalog der Linzer Gemälde erarbeitet hat und damit nebenbei die Legende vom „größten Museum der Welt“ beerdigen konnte.

Was bleibt da noch? Dass Voss, als Kunsthistoriker eine Koryphäe im Nazi-Reich, wo er ab 1935 die Gemäldegalerie Wiesbaden leitete, nicht zimperlich war und sich im Sinne der NS-Kulturpolitik an der Aussonderung „entarteter“ Kunst ebenso beteiligte wie an der Beurteilung beschlagnahmten jüdischen Vermögens.

Gleichwohl, Voss „hielt seine Hände sauber und überließ die Schmutzarbeit anderen“, zitiert Ihnelt aus Voss’ Verhörprotokoll, das der renommierte US-Kunsthistoriker S. Lane Faison 1945 aufsetzte. Sein Beitrag zur Linzer Galerie blieb naturgemäß begrenzt, er kam zu einem Zeitpunkt, da sich das Kriegsglück bereits gewendet hatte.

Birgit Schwarz hat es vor Jahren schon treffend formuliert: „Der ,Sonderauftrag‘ war in der letzten Kriegsphase eine riesige Imponier- und Überlebensmaschine“ – alles, nur nicht an die Front müssen. Voss’ Vorgänger , der 1942 verstorbene Hans Posse, war als Akteur jedenfalls ungleich bedeutender.

Ganz so groß, wie Kathrin Iselt mehrfach betont, war das von ihr befriedigte „Desiderat der Forschung“ vielleicht doch nicht. Vor allem, weil sie über die Wiedergabe der Aktenlage hinaus – die allerdings extensiv – die Ereignisse der NS-Kunstpolitik nur linear darzustellen vermag. Der Leser muss selbst Rosinen picken: Beispielsweise, dass die Akten zu Linz noch heute in Russland unter Verschluss gehalten werden. Auch die DDR bekam sie nicht zu sehen, wie die Anmerkung 364 auf Seite 237 verrät. Warum? Auch das zu ergründen, wäre auf jeden Fall ein Desiderat.

Kathrin Iselt: Sonderbeauftragter des Führers. Der Kunsthistoriker und Museumsmann Hermann Voss (1884–1969). Böhlau Verlag, Köln 2010. 516 S., 59,90 €.

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