Kultur : Mitleid kann man lernen

Denker der Demokratie: zum Tod des amerikanischen Philosophen Richard Rorty

Caroline Fetscher

Auf den ersten Blick wirkt seine Diagnose provokant, ja paradox. Eine „beispiellose Beschleunigung des moralischen Fortschritts“ attestierte Richard Rorty Europäern und Amerikanern für das koloniale 19. und das genozidale 20. Jahrhundert. Gleichwohl: Rorty, der mit seiner „pragmatischen Wende“ den Vorrang der Politik und der Solidarität vor der Philosophie behauptete, sah hinreichend Belege für diese These.

In einem seiner schönsten und zugänglichsten Aufsätze, der den Titel „Menschenrechte, Vernunft und Empfindsamkeit“ trägt, erklärte Rorty, dass bürgerlicher Wohlstand, die Verbreitung von Bildung und die Muße zur Reflexion dazu geführt hätten, die Französische Revolution ein Gleichheitsideal erfinden und moralische Empörung den transatlantischen Sklavenhandel beenden zu lassen. Womöglich, erklärte er, hatte Abraham Lincoln recht, als er Harriet Beecher-Stowe, Autorin von „Onkel Tom’s Hütte“, mehr Einfluss auf die Entwicklung der Menschenrechte zuwies als abstrakten Theoretikern. Unerschütterlich war dabei sein Vertrauen in die Erziehbarkeit zum Mitempfinden. Wem solche Bildung und Ausbildung nicht vergönnt ist, wer etwa als sadistischer „ethnischer Säuberer“ agiert, der ist nach Rortys Überzeugung nicht „böse“. „Anstatt all die Leute dort draußen, die sich Mühe geben, Salman Rushdie ausfindig zu machen und umzubringen, wie Vernunftlose zu behandeln“, schreibt Rorty, „sollten wir mit ihnen umgehen wie mit Benachteiligten.“

Von metaphysischen Sinnkriegen hatte sich dieser Philosoph gelöst. Unsere westlich moderne „intuitive Moralvorstellung“ verlange, so Rorty, nicht nach einer philosophisch bis in die letzte Spitzfindigkeit erstellten Letztbegründung des Ethischen, sondern erschließe sich durch Empathie, die, anders als von Kant und dessen Forderung nach „Objektivität“ behauptet, eine zentrale, politische Eigenschaft darstellt. Indem wir den absoluten, philosophischen Anspruch auf „Wahrheit“ aufgeben, machen wir den Weg frei für ein Denken, das selbstkritisch, „ironisch“ bleibt, und Kontingenzen, also das zufällige Nebeneinander von Phänomenen in Augenschein nimmt.

Wie in den Prozessen einer stabilen Demokratie gibt es in diesem Denken kein ultimatives Plateau mehr, kein Telos, Ziel, auf das unsere Existenz und unsere Gesellschaften zustreben oder zustreben sollten, keine andere Hoffnung als die, Aufklärung und eine gewisse Empfindsamkeit weiter zu verbreiten, um universelle Solidarität weiter zu befördern.

Richard Rorty, geboren am 4. Oktober 1931 in New York, ist am Freitagmorgen nach längerer Krankheit gestorben. Er war ein Mann von großer wissenschaftlicher und menschlicher Integrität. Seine Werke ließen ihn zu einem der einflussreichsten Denker der Gegenwart werden, der, vom amerikanischen Pragmatismus sowie der angelsächsisch-analytischen Philosophie kommend, sich auch mit kontinentalen Denkschulen von Heidegger bis Foucault auseinandersetzte.

Zu Rortys Hauptwerken zählt „Der Spiegel der Natur, eine Kritik der Philosophie“, dessen deutsche Übersetzung 1987 erschien. Hier begann seine gedanklich-empathische Arbeit gegen jedwede Letztbegründung und Gewissheit, und damit auch gegen die autoritäre Inthronisierung von meist latent oder offen ontologischen, sogar biologistischen Denkern und deren Denkgebäuden. Erkenntnistheoretischer Fundamentalismus, gleich unter welchen Vorzeichen, war bei Rorty nicht zu ergattern, was ihm sowohl rechte als auch linke Theoretiker übel nahmen. Mithin landete Rorty, der Professor, der Poststrukturalist, nachdem er 1982 seinen Lehrstuhl für Philosophie in Princeton verlassen hatte, konsequenterweise bei der vergleichenden Literaturwissenschaft, die er bis kurz vor seinem Tod an der Stanford University in Kalifornien lehrte. Um Argumente und Verständigung ging es ihm als Lehrer, um Einfühlung und Menschenrechte, um den Prozess statt um fixe Axiome.

Am eindrücklichsten kam diese Haltung wohl in „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ zum Tragen, auf Englisch 1989 erschienen, deutsch drei Jahre später. Sein Abschied von der Philosophie als privilegierter Wissenschaft, die in Anspruch nehme, „das Ganze“ erklären zu können, wird hier unter dem Eindruck der Kontingenz von Sprache und Metaphern vollends vollzogen. Freiheit und individuelle Selbstbestimmung, so Rorty, vollziehen diese Einsicht nach, aus der eine ironische, sich selbst stets neu denkende Position erwächst. Für einen amerikanischen Patriotismus – nicht Nationalismus – der die Werte der Freiheit nicht allein im eigenen Land zu verteidigen versteht, setzte sich Rorty mit „Achieving our Country“ (1998) ein, das gängige Fehlkonzeptionen und Stereotypien der amerikanischen Linken aufzulösen suchte.

Trotz seines großen Einflusses ist Rortys Denken zu entdecken. Frei von Geraune und Erhabenheit, unbelastet von weltanschaulichen Narzissmen sowie religiöser Hybris. Es ist inspirierend wie kaum ein anderes der Gegenwart.

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